Jazz

Julia Hülsmann Quartet


Unsung Weill, das Ungesungene, ist das Motto eines Programms, mit dem die „Lyrikerin des deutschen Jazz“ (Die ZEIT) für uns hörbar macht, was bisher ungehört geblieben ist.

Julia Hülsmann, die seit 2008 mit ihrem Trio bei ECM unter Vertrag ist und mit der letzten CD-Veröffentlichung dieses zum Quartett erweitert hat, kehrt in eingespielter Formation mit Marc Muellbauer (Bass), Heinrich Köbberling (Schlagzeug) und Tom Arthurs (Trompete, Flügelhorn) für uns diejenigen Facetten Weills hervor, die bisher unentdeckt geblieben sind.

Besingen lässt sie ihre Entdeckungen – und passender könnte ihre Wahl nur schwer ausfallen – vom Grammy-Nominierten und Echo- Gewinner Theo Bleckmann. Um den außergewöhnlichen Stil dieses Mad Genius zu beschreiben muss die internationale Presse immer wieder auf Vokabeln des Übersinnlichen zurückgreifen: von „magical and futuristic“ (AllAboutJazz), „limitless“ (Citypaper, Philadelphia) und „transcendent“ (Village Voice) ist hier die Rede, und da an seinem außerordentlichen Genie kein Zweifel bestehen bleiben kann, resümiert die New York Times demütig: „from another planet“.

Zum Klingen bringen wird diese neue Formation bisher unbeachtete Werke Kurt Weills, darunter „Little Tin God“ und „Your technique“, gemeinsam mit ein paar der bekannten Kompositionen wie „Mack The Knife“ und „September Song“.

Weills Musik ist im Laufe der Jahre auf vielfältigste Weise interpretiert worden, doch die Jazzband ist und bleibt ein besonders passender Kontext. Der in Deutschland geborene Kom¬ponist, der später die US-Staatsbürgerschaft annahm und zu einem der leidenschaftlichsten Verfechter amerikanischer Verfassungsrechte wurde, pries Jazz als „Rhythmus unserer Zeit“ und „internationale Volksmusik von breitester Auswirkung“. In Hülsmanns Quartett und in Sänger Bleckmann erhält er deutsche Interpreten, die seinen Blick für das allumfassende Potenzial der Musik teilen und in ihr die Freiheit finden, sie selbst zu sein – was beinhaltet, statt Weills Vertonung von Whitmans „Beat! Beat! Drums“ eine aus eigener Feder zu wählen.

Im Zusammenspiel dieser Künstler wird nicht nur ein altes Erbe wiederentdeckt sein, sondern die eigens arrangierten Stücke sind das Klangergebnis eines Aufeinandertreffens, das die erfahrene Vielseitigkeit dieser Musiker auf Höhe unserer Zeit widerspiegelt. Wir müssen gespannt sein, wie in dieser ebenso frischen wie tief gehenden Begegnung das Quintett in unaufdringlicher Gekonntheit die alten Kompositionen in ein neues, schmeichelndes Gewand aus Eigensinnigkeit hüllen wird.
Purer, fließender Jazz, auf dem der Gesang thront: seien wir so vermessen und behaupten, Kurt Weill hätte seine Freude daran.

Die CD „A clear midnight – Weill and America“ erscheint am 6.3.2015 bei ECM Records.

A Clear Midnight ist Julia Hülsmanns fünftes ECM-Album. Es folgt auf die Trio-Alben The End of A Summer (aufgenommen 2008) und Imprint (2010), die Quartett-Aufnahme In Full View und das 2008 gemeinsam mit Gitarrist Marc Sinan veröffentlichte Fasil. Hülsmann arbeitet seit vielen Jahren mit Worten (unter anderem denen von E.E. Cummings und Emily Dickinson) und spürt in Zusammenarbeit mit Sängern wie Rebekka Bakken oder Roger Cicero die darin verborgene Musik auf. Sie ist sehr vielseitig engagiert und war 2014 „Improviser in Residence“ der Stadt Moers.

Theo Bleckmann ist multidisziplinär in Perspektive und Erfahrung. Mit A Clear Midnight gibt er sein ECM-Debüt in einem Jazzkontext, war aber bereits als Mitglied des Meredith Monk Ensembles auf den Alben Mercy (2002) und Impermanence (2007) vertreten. Seit 1989 lebt er in New York, wo er schon früh von der großen Jazzsängerin Sheila Jordan gefördert wurde. Seine sängerische Bandbreite reicht von Charles Ives über Kate-Bush-Songs bis hin zu Shakespeare-Sonetten und Projekten mit Improvisatoren aller Idiome. Im Juni 2015 wird er als „Artist in Residence“ im New Yorker „The Stone“ in verschiedenen Besetzungen auftreten, unter anderem mit dem Hülsmann Quartett.

Tom Arthurs ist „genial darin, eine Linie gleichzeitig rhapsodisch frei und fokussiert wirken zu lassen“, wie Ivan Hewett im Daily Telegraph schrieb. Als Improvisator hat er mit John Surman, Jack DeJohnette, Evan Parker, Kenny Wheeler, Eddie Prévost und vielen anderen gespielt. Neueste Mitstreiter sind der Pianist Marc Schmolling und die Folkgruppe The Unthanks, mit denen er als Gast auftritt.

Marc Muellbauer spielte als Mitglied des Ensembles United Berlin Werke von Ligeti, Berg, Schönberg und Webern und hob neue Kompositionen aus der Taufe. Seine eigene Band Kaleidoscope erkundet die Schnittstellen von Modern Jazz und zeitgenössischer Komposition. Mit Christian Kögel (Dobro) und Roland Neffe (Vibraphon und Marimba) widmet er sich in dem Trio Wood and Steel alter und neuer Musik.

Heinrich Köbberling spielt in Aki Takases Quintett und in Ernie Watts’ Quartet Europe, wenn er nicht gerade mit Hülsmann auf Tour ist oder in Leipzig Schlagzeug unterrichtet.

Julia Hülsmann: piano
Tom Arthurs: trumpet, fluegelhorn
Marc Muellbauer: bass
Heinrich Köbberling: drums
Theo Bleckman: vocals


Vergangene Termine