Kunstausstellung

Jorinde Voigt


Ordnung und Zufall, Akribie und Impulsivität, zeichnerischer Exzess und grafische Reduktion sind nur einige Pole jener vibrierenden Spannungsverhältnisse, die den Charakter der komplexen, großformatigen Zeichnungen der deutschen Künstlerin Jorinde Voigt (* 1977) bestimmen.

In den dynamischen Strichfolgen, turbulenten Linienschwüngen, diagrammatischen Strukturen, Zahlen, Wortfragmenten und collagierten Farbflächen ihrer Zeichnungen – die die passionierte Cellospielerin als „Partituren“ oder „Notationen“ bezeichnet – verdichten sich unterschiedlichste Elemente der kulturellen Umwelt. Popsongs oder klassische Musikstücke, Temperaturverläufe, Windrichtungen und Lichtbögen werden wie akustische Impulse und Blickwinkel bis hin zu Farbwerten einzelner Pflanzen und Inhalte philosophischer Texte von der Künstlerin einer systematischen Analyse unterzogen. Messbaren Parametern wie Ort, Zeit oder Lautstärken sowie selbst gesetzten Regeln bzw. ausgewählten Algorithmen folgend, verbindet Voigt diese Fragmente und Eindrücke der Wirklichkeit zu dynamischen, relationalen Gefügen. Ihre Werke gleichen dadurch „hochempflindlichen Projektionsflächen“ (Andrew Cannon) individueller wie kollektiver Erfahrungswerte.

„Was für andere Farbe ist, ist für mich kulturelles Material“ fasst die Künstlerin dieses Grundprinzip ihrer künstlerischen Arbeit, in der sie auf Elemente zurückgreift, die, so Voigt, „gesellschaftlichen Symbolcharakter haben oder bestimmend für die Beschreibung der Zivilisation und deren Umgebung sind.“ Indem sie diese symbolträchtigen Wirklichkeitsbruchstücke nicht in ihren äußeren Erscheinungsformen untersucht, sondern in offene, auf Rhythmen, Bewegungen und dem Fluss der Zeit basierende Strukturen überführt, ermöglicht sie den Betrachter(inne)n einen ungeahnten Blick auf zwar erfahrbare, aber nicht sichtbare Phänomene der vielschichtigen Realität.

Gleichzeitig sind Voigts abstrakte Zeichnungen nicht nur Spiegel einer in stetiger Veränderung begriffenen kulturellen Umwelt, auch geben sie Einblick in den persönlichen Denk- und Vorstellungsraum der Künstlerin. Nicht zuletzt dienen sie – entgegen dem vermeintlichen Rekurs auf eine Ästhetik des Wissenschaftlichen – dem Ausdruck und der Erforschung intimer zwischenmenschlicher Beziehungsgeflechte, Emotionen und Empfindungen. Dieser Aspekt ihrer Arbeit lässt sich von der frühen Serie 2 küssen sich (2006) bis hin zu ihren aktuellsten Werken nachverfolgen. In letzteren dienen philosophische Texte wie Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität von Niklas Luhmann als Auslöser innerer Bildwelten und Assoziationsräume, welche von Voigt in eine für ihre Arbeit typische subtile Matrix eingeordnet werden.

Eindrucksvoll zeigt die bisher größte Einzelausstellung der Künstlerin in Österreich auf, wie es Jorinde Voigt mit jeder ihrer Arbeiten gelingt, eine Polyphonie unterschiedlichster Wahrnehmungsweisen der Realität zu erzeugen, die in der Betrachtung unzählige Assoziationen und variierende Empfindungen auslöst.

Kuratorin: Stephanie Damianitsch


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