Kunstausstellung

Johanna Kandl - Nah am Text


Trotz Schließung und Umbau präsentiert die neue Direktorin Johanna Schwanberg das Dommuseum Wien mit dem Kunstprojekt „Nah am Text“.

Der 2,5 m hohe und 20 m lange Bauverschlag aus Grobspanplatten im Zwettlerhof und eine Lünette im Eingangsbereich des Stephansplatzes werden zum Display für Gegenwartskunst. Unter dem Titel „Nah am Text“ verweist Johanna Kandl mit ihren beiden malerischen Arbeiten auf zwei der bedeutendsten kunsthistorischen Exponate aus dem Domschatz, die ab der Wiedereröffnung erneut im Dommuseum Wien zu sehen sein werden: auf das Bildnis Rudolfs IV., bekannt als erstes eigenständiges Porträt des Abendlandes, und auf das Grabtuch des 1365 frühverstorbenen innovativen Herrschers und „Stifters“.

Stoffe wie der für das Grabtuch verwendete waren handwerkliche Meisterleistungen und erlesene Kostbarkeiten. Diskutiert wird, auf welchem Weg der mit Goldfaden gewebte Seidenstoff, der in Iran für den muslimischen Ilchansultan Abū Saʽīd (reg. 1316–1335) gefertigt wurde, in das Umfeld des Gründers der Wiener Universität und Initiators des Stephansdomausbaus gelangte und was die Verwendung als Grabtuch motivierte. „Ehre sei unserem Herrn; dem erhabenen Sultan, verherrlicht im Ruhme, Krönung des Diesseits und der Religion, Būsa‘īd Bahādur ān; Gott erhalte immerwährend seine Herrschaft“, lautet der Text auf dem Grabtuch, den Johanna Kandl auf die Spanplatten im Zwettlerhof übertragen hat.

Für die Gestaltung des Bauverschlags hat Johanna Kandl eine maßstabgetreue Zeichnung des Grabtuchs von Markus Ritter, Professor für islamische Kunstgeschichte am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, aus einem laufenden Forschungsprojekt verwendet.
Johanna Kandls Arbeiten werfen eine Reihe von Fragen auf, die Geschichte und Gegenwart miteinander in Beziehung setzen – sowohl in inhaltlicher als auch in medialer Hinsicht: Wie kam es dazu, dass einem verstorbenen christlichen Herzog ein Grabtuch auf den Leib geschneidert wurde, das mit arabischer Schrift überzogen ist und einen Sultan würdigt? Wie konnte Rudolf IV. mit einer erfundenen Insignie porträtiert werden, die eine Verbindung aus Herzogshut und Königskrone darstellt? Welche Veränderung geht vor sich, wenn ein spätmittelalterlicher orientalischer Stoff plötzlich malerisch übersetzt im öffentlichen Raum des 21. Jahrhunderts an einer Baustelle zitiert wird? Welche Gespräche ergeben sich dadurch zwischen Passanten unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Religionen?

Johanna Kandl
Geboren in Wien, Ausbildung in Wien und Belgrad. Kandl ist in ihren Bildern, Videos und installativen Arbeiten kritische Beobachterin der wirtschaftlichen und sozialen Lage unserer Zeit. Oft greift sie in ihren figurativen Malereien konkrete Personen, Orte und Begebenheiten heraus, die sie – häufig in Zusammenhang mit Zitaten und prägnanten Slogans aus der Wirtschaftswelt – in einen breiten gesellschaftspolitischen Kontext stellt. Seit 1997 realisiert sie regelmäßig Projekte mit ihrem Mann Helmut Kandl. Von 2005 bis 2013 hatte sie eine Professur für Malerei an der Universität für angewandte Kunst in Wien inne. Johanna Kandl lebt und arbeitet in Wien und Berlin.

Das Wiener Dom- und Diözesanmuseum wird derzeit umgebaut und unter der Leitung von Johanna Schwanberg neu ausgerichtet. Die Wiedereröffnung ist für 2015 geplant.


Vergangene Termine