Vortrag

Irina Scherbakowa: Russlands unvorhersagbare Vergangenheit. Postsowjetische Erinnerung an Stalinismus und Krieg


Ein paradoxer Spruch im heutigen Russland besagt, dass die Vergangenheit des Landes nicht vorhersagbar sei, präge doch die Interpretation der gegenwärtigen politischen Verhältnisse immer auch das Bild der russischen bzw. der sowjetischen Vergangenheit. Allein um zu verstehen, warum sich Russland wieder in dieser erdrückenden Umklammerung einer „nichtvorhersagbaren Vergangenheit“ befindet und warum – 62 Jahre nach seinem Tod – noch immer das Verhältnis zu Stalin der alleinige Gradmesser dafür ist, wie jemand zu Demokratie und liberalen Werten steht, müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre näher beleuchtet werden.

Kann die Interpretation der Vergangenheit Menschen wieder trennen und ideologische Basis neuer Konflikte, eines neuen „Kalten Krieg“ oder der Legitimierung eines autoritären Regimes sein? Wird das Überdenken der Geschichte, die Tatsache, dass man sich der Verantwortung für die eigene Vergangenheit stellt, eine Rolle bei der Schaffung und Bewahrung demokratischer Werte spielen?

Irina Scherbakowa, Germanistin, Übersetzerin und Historikerin, arbeitet für die Menschenrechtsgesellschaft MEMORIAL in Moskau, wo sie den Geschichtswettbewerb für Jugendliche koordiniert. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Stalinismus und Totalitarismus, die Geschichte des GULAG sowie Fragen des kulturellen Gedächtnisses und der Geschichtspolitik in Russland. Sie wurde mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik ausgezeichnet. Seit 2012 ist sie Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats des VWI. 1997 publizierte sie (gemeinsam mit Susanne Scholl) Moskauer Küchengespräche, im Jahr 2000 Nur ein Wunder konnte uns retten und 2010 Zerrissene Erinnerung . Ihre jüngste Veröffentlichung ist Gulag. Spuren und Zeugnisse .


Vergangene Termine