Theater

In der Löwengrube


Aus der wahren Geschichte des Wiener Schauspielers und Emigranten Leo Reuß hat Felix Mitterer eine wahnwitzige Köpenickiade geschrieben, in der Nazis wie rückgratlose Künstler gleichermaßen ihr Fett abbekommen, die aber auch genauso berührt.

In der Löwengrube
von Felix Mitterer
Inszenierung Peter M. Preissler.

Kirsch ist nicht der bedeutendste Schauspieler in Wien, aber immerhin darf er doch einmal den Shylock im "Kaufmann von Venedig" spielen. Doch Kirsch hat besonderes Pech. Es ist das Frühjahr 1938 und Nazis im Saal nehmen es bereits übel, dass ein Jude einen Juden darstellt. Wenige Tage später: Direktor und Ensemble knicken beim "Anschluss" sofort ein, Nazifunktionäre übernehmen das Theater, selbst seine "arische" Frau Helena findet es besser, wenn Kirsch sofort das Land verlässt und sie sich scheiden lassen, natürlich nur zu seinem eigenen Besten. Der gedemütigte Kirsch macht sich auf den Weg ins Exil.
Einige Zeit vergeht, da taucht ein blonder bärtiger Bergbauer namens Benedikt Höllriegl aus Tirol zum Vorsprechen in Wien auf und begeistert die neuen Machthaber mit seiner "deutschen Natürlichkeit" und seinem unverbildeten Talent. Die Idealbesetzung für den Wilhelm Tell! Selbst Propagandaminister Goebbels wird auf die "Naturbegabung" aufmerksam. Höllriegl mit seiner NS-Linientreue, nationalen Phrasen und Rassenvorstellungen die Nazifunktionäre und Theaterlemuren ganz schön vor sich her. Aber irgendwas ist merkwürdig an dem 150%igen Blut-und Boden-Arier. Kommt er den alten Bühnenkollegen nicht doch irgendwie bekannt vor?

Aus der wahren Geschichte des Wiener Schauspielers und Emigranten Leo Reuß hat Felix Mitterer eine wahnwitzige Köpenickiade geschrieben, in der Nazis wie rückgratlose Künstler gleichermaßen ihr Fett abbekommen, die aber auch genauso berührt.

KRITIK
Arthur Kirsch heißt zwar nicht Daniel und steckt in keiner Löwengrube; dennoch wagt er sich zu gefährlichen Zeiten in die Gesellschaft menschlicher Raubtiere (auch Nazis genannt) und inszeniert ein geschickt eingefädeltes Täuschungsmanöver, um seinen Beruf weiterhin ausüben zu können. Der jüdische Schauspieler nimmt eine falsche Identität an und betritt als kerniger tiroler Naturbursche die Bühnenbretter. Dabei ist er so glaubwürdig, dass er nicht nur die ehemaligen Kollegen, sondern auch die Nazibonzen an der Nase herumführt - selbst Propagandaminister Goebbels ist von ihm begeistert und erklärt ihn zum diplomgeschmückten Vorzeige-Germanen. Doch allmählich wird der Kreis jener, die den wahren Menschen hinter dem martialischen Bartversteck erkennen, immer größer.
Diese braune Köpenickiade ist nicht gänzlich Felix Mitterers Phantasie entsprungen: es hat tatsächlich 1936 einen ähnliche Fall gegeben, als der Jude Leo Reuss im Theater in der Josefstadt als Tiroler für Furore sorgte und sein Inkognito dann sofort nach der Premiere lüftete. Im damals noch nicht von Nazideutschland einverleibten Österreich war dieser beherzte Betrug ohne schwerwiegende Konsequenzen möglich und Reuss konnte 1937 unbeschadet nach Amerika emigrieren. Mitterer hat sein Stück jedoch ins Jahr `38 nach dem Anschluss verlegt und somit das Risiko für seine Hauptfigur wesentlich verschärft.
Unter Peter M. Preisslers Regie wird das Mitterer-Stück zu einem absoluten Höhepunkt dieser Scala-Saison. Einfach jede Rolle ist hier perfekt besetzt: Christina Saginth spielt Kirschs ehemalige Frau, deren dunkle Charakterzüge allmählich ans Licht kommen, die aber zugleich so sehr vom Theaterfieber befallen ist, dass ihr der Exmann alle Fehler verzeihen kann. Bernie Feit als schrulliger Theaterdirektor liefert pausenlos Paradebeispiele für schusselige Zerfahrenheit; Georg Kusztrich überzeugt als gemütlicher Bühnenmeister mit dem Herz am rechten Fleck; Hermann J. Kogler hat den tragischen Part eines Mitläufers übernommen, dessen Paktieren mit den Machthabern ihm aber kein Glück bringt; Wolfgang Lesky spielt mit Hingabe ans Widerwärtige einen Nazi der ersten Stunde, der sein fehlendes Schauspieltalent durch Parteitreue zu kompensieren versucht; und in den letzten Minuten verbreitet noch Michael Reiter durch sein intensives Spiel als Propagandaminister Unbehagen.

Für Rüdiger Hentzschel hingegen, den wir auch schon oft in seiner Funktion als Regisseur an dieser Bühne erleben durften, ist die Hauptfigur des gewitzten Schauspielers ein richtiger Glücksfall und erweist sich - ohne Übertreibung - als Rolle seines Lebens: wenn man künftig seinen Namen hört, wird man ihn unweigerlich mit Kirsch alias Höllrigl in Verbindung bringen. Der gebürtige Deutsche hat zudem intensive Sprachstudien betrieben, und falls ein echter Tiroler einmal auf sein Herkommen vergisst oder Dialektprobleme hat, kann er ihm ohne Weiteres auf die Sprünge helfen.

franco schedl

Inszenierung: Peter M. Preissler
Bühne: Marcus Ganser
Kostüme: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer

Es spielen für Sie:
Jaqueline Rehak, Christina Saginth, Irene Marie Weimann , Hannes Bickel, Bernie Feit, Rüdiger Hentzschel, Hans Horngacher, Hermann J. Kogler, Georg Kusztrich, Wolfgang Lesky, Michael Reiter, Valentin Schreyer


Vergangene Termine