Theater

Imperium


»Imperium« ist eine gleichermaßen komische wie bittere Geschichte über die Erfahrung, dass im menschlichen Naturell Idealismus und Irrsinn nicht weit voneinander entfernt zu liegen scheinen und darüber, dass aufklärerische Visionen von Menschen immer wieder in brutale Barbarei umschlagen.

Das letzte Jahrhundert war das Jahrhundert der Träumer. Zu Beginn war es eine Zeit, die geprägt war durch Aufbrüche und Irrwege, Avantgarden in Kunst und Architektur und nicht zuletzt die vielfältige, bunte Szene derer, die in der heute als »Lebensreform« bekannten Bewegung zum erfüllten Leben finden wollten. Es war das Jahrhundert der Utopisten und Korrumpierten, der Visionäre und Fanatiker, der Kommunarden und Asketen, der Aufklärer und Faschisten.

Scharfsinnig und humorvoll wie kaum ein anderer Autor hat der Schweizer Romancier Christian Kracht diese Träumer unter die Lupe genommen. Für »Imperium« wählt er den historischen August Engelhardt als Protagonisten: Einen Lebensreformer aus Nürnberg, einen messianischen Vegetarier, der wie ein anderer berühmter Vegetarier des 20. Jahrhunderts ein grundsätzliches neues, vermeintlich utopisches Zusammenleben unter den Menschen zu stiften versuchte – mit blutigem Ausgang.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte sich August Engelhardt auf, um eine Kokosplantage auf der Pazifikinsel Kabakon zu betreiben, in jener Küstenregion vor dem damaligen Deutsch-Neuguinea, die skurrilerweise bis heute Bismarcksee genannt wird. Doch die triste Landwirtschaft braucht ein quasi-religiöses Heilsversprechen! Das Produkt muss zum Heiligtum werden! Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille! Und so entschließt er sich bald nach der Ankunft, einen Orden der Kokovoren zu gründen, dessen Mitglieder sich durch den ausschließlichen Verzehr von Kokosnüssen spirituelle Erfüllung erhoffen. Gleichzeitig versprechen der Nudismus und das ausgiebige Sonnenbad den Kokovoren und ihren geschundenen Körpern Befreiung vom autoritären Wilhelminismus der heimatlichen Gefilde. Schnell erfreuen sie sich in ganz Europa großen Interesses und zahlreiche Besucher wollen sich dem Orden anschließen. Doch so schnell die Gemeinschaft wächst, so schnell verschärfen sich auch die Konflikte.

»Imperium« ist eine gleichermaßen komische wie bittere Geschichte über die Erfahrung, dass im menschlichen Naturell Idealismus und Irrsinn nicht weit voneinander entfernt zu liegen scheinen und darüber, dass aufklärerische Visionen von Menschen immer wieder in brutale Barbarei umschlagen. Daraus entspinnt Kracht in seinem Roman mit dem ihm eigenen bissigen Humor und außerordentlich kunstvoller Sprache eine schrille, politische Komödie über religiösen Wahn und die rassistische Weltsicht einer Gruppe dekadenter Kolonialisten. Die Kokovoren werden gleichzeitig zur Chiffre für den Fetisch eines globalen Welthandels, der seine Produkte zu Ikonen erhebt, zu Götzen, denen es zu huldigen gilt. Kracht erzählt aber auch über das Scheitern eines utopischen Weltentwurfs und das in einer Gegenwart, die neue Utopien gut gebrauchen könnte.

Jan-Christoph Gockel, geboren 1982 in Gießen, studierte Regie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und inszenierte im Anschluss an der Berliner Schaubühne. Regelmäßig verwirklichte er Uraufführungen in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Autoren, u.a. auch Jörg Albrechts »Harry Lime lebt!« am Schauspielhaus Wien (2010). Im selben Jahr wurde seine Wiener Performance »Psychatrie!« für den Nestroy nominiert. Eine kontinuierliche Zusammenarbeit verbindet ihn mit dem Schauspieler und Puppenbauer Michael Pietsch, mit dem er seit 2009 immer wieder Projekte mit Marionetten realisiert. In den letzten Jahren inszenierte er u.a. am Staatstheater Karlsruhe, Theater Bonn und regelmäßig am Staatstheater Mainz, dessen Leitungsteam er seit 2014 als Hausregisseur angehört. Zuletzt beschäftigte er sich in mehreren Arbeiten mit den Nachwirkungen des Kolonialismus: etwa bei seiner Bearbeitung von Conrads »Herz der Finsternis« am Theater Bonn (2014) oder in den dokumentarischen Projekten »Kongo Müller« (2014) und »Coltan Fieber« (2015), die er im Kongo und Burkina Faso entwickelte. In dieser Spielzeit inszenierte er zur Eröffnung der neuen Intendanz am Schauspielhaus Graz mit großem Erfolg Tankred Dorsts »Merlin«. »Imperium« ist seine zweite Beschäftigung mit einem Werk von Christian Kracht: 2012 brachte er am Theater Bern »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« auf die Bühne.

Christian Kracht, 1966 in der Schweiz geboren, wurde Mitte der 90er-Jahre bekannt mit seinem Debüt »Faserland «, einem Portrait einer orientierungslosen Jugendkultur. Später veröffentlichte er seine Romane »1979« (2001), in dem er den Vorabend der Revolution in Teheran beleuchtet, sowie die Dystopie »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« (2008). 2012 erschien dann mit dem gleichermaßen gefeierten wie angefeindeten Roman »Imperium« Christian Krachts jüngstes Werk, das wegen seines drastischen Humors an der Grenze der politischen Korrektheit wahrscheinlich sein umstrittenstes ist.

Produktionsteam
Autor: Christian Kracht
Regie: Jan-Christoph Gockel
Bühne: Julia Kurzweg
Kostüme: Julia Kurzweg
Illustrationen: Giovanna Bolliger
Musik: Jacob Suske
Dramaturgie: Tobias Schuster
Besetzung: Simon Bauer, Steffen Link, Sebastian Schindegger, Jacob Suske


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