Kunstausstellung · Fotografie Ausstellung

Human


Die in der Ausstellung Human vertretenen KünstlerInnen interessiert die Beobachtung und Analyse des Subjekts, der ihm zugehörigen Gemeinschaft sowie der übergeordneten Gesellschaftskonstruktionen. Es geht um die Auseinandersetzung mit Identität bzw. Persönlichkeitsstruktur, sei es in Bezug auf ethnische und geografische Zugehörigkeit, Klasse, Kultur, Geschichte oder vorgegebene Rollenbilder.

Ausgangspunkt ist einerseits die Gesellschaft und die Auswirkungen von deren Einfluss auf Leben und Persönlichkeit der Menschen. Andererseits sind es die individuellen Biografien der KünstlerInnen, die mit meist empathischem Zugang ihr direktes Umfeld untersuchen und dabei ebenso die eigenen Ängste, Verletztheiten und Verunsicherungen wie auch Nähe und Glück ansprechen. Hier werden teils intime Blicke in Privatheit, persönliche Geschichte, Erinnerungs-/Gedächtnisarbeit und Lebenssituation gestattet. Andere KünstlerInnen bieten mit humorvoll-skurrilen Narrationen sowie performativen Inszenierungen oder Rollenspielen zwischen Authentizität und Fiktion außergewöhnliche Sichtweisen auf die Realität, die die Absurdität des Alltäglichen und damit des menschlichen Seins unterstreicht.

Linda Bournane Engelberths Serie Wind, Sand and Stars ist ein fotografisches Work in Progress-Projekt, in dem die Künstlerin nach ihren familiären Wurzeln sucht. Sie ist in Norwegen bei ihrer norwegischen Mutter aufgewachsen; ihren algerischen Vater und dessen Familie hatte sie lange nicht kennengelernt. Erst als Erwachsene besuchte sie ihn und ihre weitere Familie zum ersten Mal in Algerien. Als ihre Berber-Großmutter 100 Jahre alt wurde, schrieb diese ihr einen Brief mit der Bitte, das Heimatland ihres Vaters nicht zu vergessen. Dieses Projekt ist für Bournane ein Versuch, als westlich orientierte Frau ihrer Identität nachzuspüren, indem sie versucht, diese Fremdheit zu erforschen, die die Hälfte ihrer Herkunft ausmacht. Als Fremde mit dem Gefühl außerhalb zu stehen, ist sie durch die Straßen von Algier gegangen und hat sich bemüht, Anschluss zu finden. Sie hat alles – von der Stadt bis zum Leben ihrer Familie – dokumentiert. Jedes Detail von Algier hat sie interessiert: Verkehrsschilder auf Arabisch, ein durch einen Zaun wachsender Kaktus, die Leute in den Straßen – die ersten Schritte in eine Kultur, die sich wie ihr zugehörig anfühlt, aber noch fremd ist.

Amina Handke zeigt den Kurzfilm Mutter von Mutter (2015); hierfür hat sie ihre Mutter, eine Schauspielerin, gebeten, deren Mutter – Amina Handkes Großmutter, die sie kaum kannte – zu spielen. Aber die Mutter erinnert sich an wenig. Der Film handelt von bruchstückhaften Erinnerungen und brüchigen Beziehungen dreier Generationen, die von Abwesenheiten und Trennungen bestimmt sind. Er lässt die Auswirkungen eines Krieges erahnen – diejenigen von Ideologien und Konventionen auf Vorstellungen von Frauen- und Mutterrollen und davon, wie diese Vorstellungen weitergegeben oder reflektiert werden. Desweiteren zeigt Handke die Serie von 22 Fotografien "اداباي [aˑdaˑbˆæɛ]“ als Fotobuch (2017). Für dieses Projekt hat sie, verschleiert mit Niqab, Faschingsfeiern in Griffen (Kärnten), dem Heimatort ihres Vaters, besucht. Zwischen den ebenso verhüllten Faschingsnarren thematisiert sie Zusammenhänge zwischen Kleiderverordnungen und Konventionen, Anpassung und Rollenbildern, dem Vertrauten und Fremden, insbesondere am eigenen „kulturellen Hintergrund“.

Roland Ickings Work in Progress-Fotoserie FACadE, begonnen 2014, zeigt Menschen und ihre Tiere auf Bauernhöfen in seiner Heimat, dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet des Kreises Borken und dem Achterhoek. In den hier typischen Kuhstallfassaden sieht Icking seit seiner Kindheit abstrakte Gesichter, deren Ausdruck für ihn das ehemals harte und von gesellschaftlichen Zwängen geprägte Landleben symbolisiert, dem er das Glück hatte zu entkommen, um Künstler sein zu können. Zunächst als architekturfotografisches Projekt angelegt, begann er bald Menschen und Tiere miteinzubeziehen. Diese wurden separat fotografiert und im Computer vor der jeweiligen Fassade mit dem Gesicht zusammengefügt. Die Inszenierungen wirken surreal, manchmal absurd, auch lassen sich erste Kinderbilder mit Mama, Papa, Kind, Hund, Haus, Baum, etc. assoziieren – eine Hommage an seine Heimat, in der Humor, aber auch die Sorge um Veränderungen in der Landwirtschaft, das schleichende Verschwinden regionaltypischer Architektur und die Existenz der Menschen mitschwingen.

In seiner Fotoserie Men don’t play / Men do play geht es Simon Lehner um eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit männlicher Identität. Am Beispiel von Männern, die in ihrer Freizeit Krieg spielen, untersucht Lehner das ureigenste, seit Beginn der Menschheit bestehende Bedürfnis des Mannes, in Wettstreit mit seinen Artgenossen zu treten, um dabei möglichst als Stärkster, Männlichster hervorzugehen. In einem Real Life-Kampfspiel mit Druckluftwaffen und künstlichen Toten, aber mit realen Taktiken, Uniformen, Ausrüstung und authentischer militärischer Sprache sind die Freizeit-Soldaten die Helden, stark, mächtig, furchtlos – good guys, die die Terroristen bekämpfen. Und dennoch ist unter der Oberfläche des harten Agierens Verletzlichkeit, Erschöpfung, Angst zu spüren. In der Serie wird das hier so extrem ausgelebte Bedürfnis untersucht und in Frage gestellt, wobei Lehner mittels Selbstporträts seine Gefühle und Konfrontationen dazu dokumentiert – auf der Suche nach seiner eigenen inneren Balance von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Die Fotoserie The Fear Theories von Christiane Peschek ist ein Portrait kindlicher Angst, eine neun Jahre andauernde Annäherung, die darauf zielt, die Mechanismen und Stigmata der Angst ihres heranwachsenden Sohnes vor der eigenen Existenz zu verstehen. Es ist ein Labyrinth der Irrationalität und noch mehr eine Reflexion über den Effekt, den die Fotografie auf unsere Wahrnehmung hat. Es ist das Potenzial der Imagination. Ihre Arbeit ist Forschung und Praxis, Erinnerung und Konstruktion – eine ständige Aneignung, ein nie endender Prozess. Ausgehend von der Notwendigkeit, die Ängste eines kleinen Jungen zu verstehen, eröffnete ihr The Fear Theories einen viel breiteren Diskurs über die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit und die Suche nach Schutz. Der Moment vor dem Einschlafen, wenn ein Kind gegen sein Gedankenkonglomerat ankämpft, ist eine Hyperrealität, eine Zwischenwelt zwischen visuellen Nachwirkungen und der puren Kraft kindlicher Vorstellungskraft – eine Welt, die so real ist wie die Fotografie.

Für ihre Performance-Videos baut Anna Vasof auf erfindungsreiche und aufwändige Weise alltägliche Dinge in mechanische Konstruktionen um und schafft humorvolle, poetische, aber auch kafkaeske Situationen. Vasof interessiert das Experimentieren mit den Mechanismen von Bewegung und zeitbasierter Kunst. Ihre Non-Stop-Stop-Motion-Filme (wie etwa Trilogy of Leaving) definieren ein erweitertes zeitgenössisches Kino neu und setzen sich mit der poetischen Mechanik der Beharrlichkeit des Sehens auseinander. Ihre Arbeiten mit Alltagsgegenständen (wie Down to Earth und Things and Wonders 2022) beschäftigen sich mit sozialen Widersprüchen und zeigen uns die vertraute Welt aus einem anderen Blickwinkel.

Text: Petra Noll-Hammerstiel


Vergangene Termine