Theater

Höllenangst


Sozialkritik und Komödie, Farce und politische Satire vermischen sich bei Nestroy zu einem gerade heute aktuellen Spektakel der Extraklasse.

Die Welt ist schlecht! Das Leben ist aussichtslos! Und wennʼs jemandem einmal gut geht, muss der Teufel seine Hand im Spiel haben. Davon ist der arme Prolet Wendelin überzeugt. Und als ihm eine komplizierte, politische Intrige unter den Mächtigen überraschend Geld ins Haus bringt, ist sich Wendelin sicher: Jetzt ist er der Hölle verfallen! Mit dieser traurigen Gewissheit stürzt er sich mitsamt seinem

Vater, dem versoffenen Schuster Pfrim, in immer turbulentere Geschichten, überzeugt, dass ihm nur mit satanischer Hilfe plötzlich alles gelingt.

Im Jahr nach der misslungenen Revolution von 1848 schrieb Nestroy dieses Meisterwerk über eine resignierte Gesellschaft, die nicht mehr glaubt, ihre Verhältnisse aus eigener Kraft ohne teuflische Intervention verbessern zu können. Sozialkritik und Komödie, Farce und politische Satire vermischen sich zu einem gerade heute aktuellen Spektakel der Extraklasse.

Inszenierung: Bruno Max

Es spielen:
Magdalena Hammer, Sibylle Kos, Johanna Rehm, Bernie Feit, Peter Fuchs, Georg Kusztrich, Philipp Schmidsberger, Leopold Selinger, Leonhard Srajer, Philipp Stix, Matthias Tuzar und Michael Werner

KRITIK

Eigentlich kaum zu glauben, dass ausgerechnet Nestroys „Höllenangst“ noch niemals auf dem Spielplan des ‚Theater zum Fürchten‘ gestanden hat. Offenbar wollte sich das Team um Bruno Max diese Komödie für eine besondere Gelegenheit aufsparen – und die ist jetzt eingetreten, denn auf den Tag genau vor 25 Jahren hat die Wiener Scala an diesem Premierenabend ihren Spielbetrieb aufgenommen. Nun herrscht Feierlaune im Zeichen des Teufels und – ich lass‘ mir meinen Aberglauben nicht rauben – es müsste schon mit dem Herrgott zugehen, wenn diese Inszenierung kein Erfolg wird.

Während Nestroys Vorlage – ein französisches Lustspiel – zur Zeit des Kardinals Richelieu um die Mitte des 17. Jahrhunderts angesiedelt war, verlegte der Wiener die Handlung in seine unmittelbare Gegenwart 1849, wodurch das Stück eine wesentlich politischere Dimension gewann (und bei den Zeitgenossen so wenig Anklang fand, dass es nach bloß fünf Vorstellungen wieder abgesetzt wurde).
Max unterstreicht diese revolutionäre Stimmung gleich in der ersten Szene: in einer adeligen Schuhfabrik schuften die Arbeiter im Akkord und trösten sich dabei mit einem Lied: sobald sich sogar Pflanzen-, Tier- und Mineralwelt gegen den Schöpfer empören, muss selbst dem Himmel höllenangst werden und die Zeichen stehen auf Sturm. Aber das kann auch ziemlich danebengehen und Max gibt sich keinen Illusionen hin, denn am Ende werden sie wieder alle in derselben Tretmühle landen, obwohl sich auf den ersten Blick politisch einiges geändert hat.

Eine andere Form der Höllenangst lernt Schusterjunge Wendelin kennen: dieser arme Teufel hält auf Grund einer Verkettung unglaublicher Zufälle einen verliebten Oberrichter für den Leibhaftigen und verkauft seine Seele an ihn. Fortan lebt er im Glauben, der Satan sei ihm etwas schuldig und müsse dafür sorgen, dass er alle Klemmen unbeschadet übersteht. Wer sonst sollte den vom Teufel Heimgesuchten spielen, als Philipp Stix, dessen Name bereits an einen Unterweltfluss erinnert? Wie ein echter Tausendsassa brilliert er in jeder Lebenslage (singend, schlotternd, schreiend, flüsternd, liebend, flüchtend) mit großer Verve in dieser Nestroy-Rolle.

In seinem Teufelswahn wird er vom alkoholreichen Schustervater Pfriem kräftig bestärkt. Die Figur des notorischen Schluckspechts zählte zu Hans Mosers Alterserfolgen im Theater in der Josefstadt. In der Scala greift hingegen Bernie Feit beherzt zur Flasche. Eine abstammungsmäßige Nähe zur Reblaus ist durchaus auch bei ihm gegeben, und da er seit jeher vom Schauspielerteufel besessen ist, macht das seine Auftritte immer zu einem besonderen Erlebnis. Zum Glück ist er diesmal als standfest schwankender Ruderleiberlträger vom Schauplatz einfach nicht fortzukriegen, sondern schießt wie ein Kastenteufel immer wieder aus der Versenkung hervor oder bei den Türen herein. Für seine Bühnenopfer wird er zur echten Plage, für das Publikum zum reinsten Segen.

Magdalena Hammer gibt ihren Einstand in der Scala als Mündel des bösen Freiherren von Stromberg (ein schön schuftiger Leopold Selinger) und da sie besonders sympathisch und vielversprechend erscheint, werden wir sie hoffentlich auch bei kommenden Inszenierungen im ungemündelten Zustand wiedersehen. Ihr Bühnengatte Matthias Tuzar beweist nicht nur textlich absolute Sicherheit, sondern verfügt zugleich über bemerkenswerte Körperbeherrschung: einem Springteufel gleich turnt er über die Fenstersimse und Dachschrägen der Bühnendekoration, so dass einem allein vom Zuschauen schwindelig werden kann. Johanna Rehm teilt als resolute Kammerzofe in den Diensten der Baronesse wahlweise Küsse und Schläge aus (und manch Wienerischer Ausdruck klingt im Mund der gebürtigen Unterfränkin doppelt lieb). Und dann bereitet uns noch Peter Fuchs in der Person des korrupten Staatssekretärs eine optische Überraschung: man muss gar nicht erst zweimal hinkucken (oder hinkickln?), sondern erkennt auf den ersten Blick, wer gemeint ist.

Normalerweise überlässt Bruno Max ja Komödien anderen Regiekollegen, doch bei Nestroy übt er keine Zurückhaltung und kann inszenatorisch aus dem Vollen schöpfen. Der Abend bietet somit verteufelt gute Unterhaltung, und Max sei noch einmal zum Jubiläum gratuliert – möge seine Seele auch im kommenden Vierteljahrhundert diesem Theater verschrieben bleiben.

franco schedl


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