Literatur

Hans Weigel: Unvollendete Symphonie


Man saß viel beisammen in jenem dunklen und kalten Winter nach dem Krieg. Licht und Wärme schienen im Beisammensein vervielfacht. Es gab auch kaum andere Verbindungen zu den Menschen als: sie aufsuchen. So ging man, wenn man in der Nähe war, zu denen, die man kannte, in die Wohnung. Waren sie zu Hause, saßen wohl andere schon bei ihnen und holten sich Licht und Wärme. Das war eine unbekümmerte und sehr ursprüngliche Geselligkeit. Mir erschien sie damals als die wienerische Art der Geselligkeit; denn ich war erst im Herbst nach Wien gekommen. Was ich hier fand, kam mir nicht wie zu dieser Zeit, sondern wie zu dieser Stadt gehörend vor. Viel später erst merkte ich allmählich, wie die Zeit und die Stadt einander wandelten.

Unschwer lässt sich in Hans Weigels zweitem Roman seine eigene Vergangenheit mit der damals noch unbekannten Ingeborg Bachmann erkennen. Es ist die unsentimentale Aufarbeitung einer Beziehung zwischen zwei Menschen im Wien der schwierigen Nachkriegszeit, die geprägt ist von Emigration und Wiederkehr. Das Erzählen überlässt Weigel seiner Protagonistin, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, so wie Bachmann einst zwischen Weigel und Paul Celan. Ein literarisches Zeitdokument und eine Liebeserklärung an Wien.

1908 in Wien geboren, 1991 in Maria Enzersdorf, Niederösterreich gestorben. War ein österreichischer Schriftsteller, Publizist und einer der einflussreichsten Literaturkritiker seiner Zeit. 1938 bis 1945 lebte er im Schweizer Exil. Er entdeckte und förderte viele junge Autoren, u.a. Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann. Herausgeber und Verfasser zahlreicher Bücher. Der Roman Unvollendete Symphonie ist erstmals 1951 erschienen.


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