Theater

Grillparzer im Pornoladen


Zwischen Haufen von Pornos, Lederwäsche und Sexspielzeug entsteht für einen kurzen Moment eine diesen eros-technischen Unort deutlich hinter sich lassende berührende Begegnung zweier einsamer Menschen.

Ein ältlicher, misogyner Verkäufer in einem euphemisch „Love Boutique“ genannten schäbigen Pornoladen wird von einer offensichtlich unerfahrenen Kundin im sogenannten „besten Alter“ genervt. Aus einer gegenseitigen Abneigung entsteht eine Art Beziehung, sie ist weder frustrierte Hausfrau noch neugieriges Nobel-Vorstadtweib, er nicht nur ein Grantler und Frauenhasser, sondern auch ein literarisch gebildeter Kunstfreund.

Inszenierung: Josef Maria Krasanovsky
Es spielen: Eszter Hollósi & Bernie Feit

KRITK
Die Wiener Scala beschert uns ein richtig (be)sinnliches Stück zur Vorweihnachtszeit von Peter Turrini. Es treten zwar bloß zwei Personen auf, die Protagonisten heißen aber trotzdem weder Josef noch Maria und treffen auch nicht in einem Warenhaus aufeinander. Ihre Bekanntschaft bahnt sich in einer ganz anderen Umgebung an, wo keine Weihnachtsdekoration von der Decke hängt, aber dafür mitunter ein Mensch in Ketten. Auch gibt es dort keine alltäglichen Gebrauchsgegenstände, um die Besucher in Kaufrausch zu versetzen, sondern höchstens kleine Dinge, die Lust erzeugen. Wir befinden uns in einer sogenannten Love Boutique im Jahr 1994.
Vor über 20 Jahren haben Dolores Schmidinger und Otto Schenk das ungleiche Paar gespielt, nun schlüpfen Eszter Hollósi und Bernie Feit in diese Rollen und brauchen den Vergleich keinesfalls zu scheuen. (Im Gegenteil: Feit kommt zum Beispiel ganz ohne fuchtelnde Armbewegungen aus.) „Die Frau“ betritt den Laden und scheint recht unentschlossen; sie weiß offensichtlich nicht, was sie möchte. Vom „Mann“, dem misstrauischen Verkäufer, lässt sie sich über den Gebrauch der verschiedensten Utensilien belehren und stellt seine Geduld mit Fragen nach Sinn und Zweck eines Doppeldongos oder vibrierender Eier auf eine harte Probe. Auch Sexpuppen in dreifach verschiedener Ausführung zeigen ihre Vorzüge und die Frau nimmt sich das männliche Modell gleich zur Brust, woraufhin ihm die Luft ausgeht.
Turrini reichert das alles mit viel Humor und Situationskomik an, doch allmählich wandelt sich das Stück immer mehr zu einem strengen Kammerspiel, und eine Art Krieg zwischen Männern und Frauen bricht aus. Wenn zuerst der peitschenschwingende Mann die Frau zu Mozarts Musik einer masochistischen Behandlung unterzieht, und später die Frau den Mann in Ketten legt, bis er zu ersticken droht, hat dieses Abreagieren durchaus therapeutischen Wert. Die Figuren offenbaren so ihre innersten Beweggründe und wir bekommen langsam mit, welche Verletzungen sie davongetragen haben: Komplexe und Vorurteile werden geweckt. Diese beiden haben das Zwischenmenschliche gründlich verlernt, nur für wenige Sekunden wird durch kleine, zarte Gesten eine Annäherung der anderen Art möglich – und es ist eine Freude, dabei zuzusehen, wie Hollósi und Feit das darzustellen wissen.
Sie schlüpfen nicht bloß aus Teilen der Bekleidung, sondern legen zugleich einen richtigen Seelenstriptease hin. Feits Figur hat eine besonders skurrile Vorgeschichte zu bieten: dieser Verkäufer war der letzte männliche Burgtheatersouffleur. Bei Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen“ durfte er noch einsagen, danach hat endgültig eine Frau die Macht im Souffleurkasten übernommen. Jetzt hasst er das weibliche Geschlecht und lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, einer Frau Schmerzen zuzufügen. Andererseits ist er aber ein Hobby-Chiropraktiker, der im Handumdrehen einen kaputten Rücken wieder einrenken kann. Auch Hollósis Rolle ist durchaus vielschichtiger, als es zunächst den Anschein hat: man könnte „die Frau“ für eine etwas überspannte, gelangweilte Wohlstandsdame halten, am Ende wird man sie jedoch mit anderen Augen sehen und ihr richtiges Mitgefühl entgegenbringen.
Ganz ohne die anfangs erwähnten Josef und Maria geht es aber eben doch nicht. Josef Maria Krasanovsky bietet nämlich mit seiner ersten Inszenierung an dieser Bühne eine gelungene Arbeit, die pointiert, präzise, knapp und sehr überzeugend ausgefallen ist. Vielleicht stellt sich auch noch ein hilfreicher Nebeneffekt ein und das Warenangebot in diesem Laden hat ein paar Unentschlossene auf gute Geschenkideen für den Heiligen Abend gebracht (es muss ja nicht immer eine Grillparzer-Werkausgabe sein).
franco schedl


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