Kunstausstellung

Great Love, small Story


Der Körper und seine Darstellung bilden den zentralen Punkt, den Fluchtpunkt des Programms von Dorota Sadovská (*1973), die sich schon seit Längerem in dem inspirierenden Gebiet zwischen Medien, der klassischen Malerei und der Fotografie bewegt.

Die Helden ihres jüngsten Malereizyklus (2012 – 2013), der kleine Geschichten über die große Liebe erzählt, sind diesmal Engelswesens. Die Strategien, die die Malerin in ihrem jüngsten Zyklus einsetzt, sind zwar in den Hauptzügen aus ihrem früheren Werk bekannt (Zyklus Die Heiligen, seit 1995), doch hat ihr Werk konzeptionell eine sichtbare Entwicklung durchgemacht. Das wesentliche Kompositionselement des Bildes bleibt weiterhin die menschliche Figur, vom Kopf nach unten in einer markanten Perspektive dargestellt (diesmal unter Nutzung der blau-hellblauen Farbskala) und vor einem monochromen (oft fast farblosen oder leicht getönten) Hintergrund; die Figuren schweben in einem überirdischen Raum, scheinbar schwerelos. Doch sind sie keine himmlischen, geistigen und körperlosen Wesen, Mittler zwischen Gott und den Menschen in dem Sinne, wie sie uns aus der Bibel bekannt sind (apropos: durch vielfältige Formen unserer ersehnten Beschützer werden wir heute marketingmäßig attackiert, von Souvenirs bis hin zum Fernsehen ...). Ihre äußere Darstellung, also die Repräsentation, ist anders. Zum Beispiel haben sie keine Flügel; und bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass es eigentlich Männer sind, nackte Männer. Obwohl die Künstlerin ihre „Männlichkeit“ nicht gerade zur Schau stellt, können die nackten, sportlichen Männerkörper auf einige Betrachter latent erotische Wirkung ausüben. Sie können mit ihrem durchdringenden Blick oder durch eine deutliche, konzentrierte Gestik, ob allein oder in der Gruppe, auch bezirzen. Die Malerin vermenschlicht sie zudem mit ihren Namen:, es gibt einen verständnisvollen und einen diskutierenden Engel, einen kostenden, einen versteckenden, einen zuhörenden, gähnenden etc., wobei sie mit diesen Tätigkeiten auf Augenblicke des menschlichen, irdischen Daseins hinweisen. Dorota Sadovská verleugnet jedoch auch hier die provokante Note ihres Charakters, ihren Sinn für Ironie oder den „subversiven Aspekt“ nicht (Jana Geržová: Rozhovory o malbe / Gespräche über Malerei, Seite 343). Jeder Engel hat nämlich sein reales Vorbild unter den Sterblichen, üblicherweise den Freunden der Künstlerin. Treffend bringt es Lucie Šiklová auf den Punkt: „Die menschlichen Körper fungieren wie Figuranten, die Bilder fungieren wie Symbole für intime Positionen, Situationen oder Beziehungen und bieten die Möglichkeit, konkrete Identitäten einzusetzen“ (Núdzový vchod / Notausgang, Seite 8). Obwohl es der Malerin zuvorderst nicht um die Portraits geht, ist das gerade einer der reizvollen Momente ihres Zugangs, der auf einer Spannung der gedanklichen und formellen Seite des Bildes aufgebaut ist. Die Entstehungsmethode ist spezifisch, sie nutzt das Auge der Fotokamera.
Und es bedarf einer Menge von Proben, Fotografien und Zeichnungen, das Fotoalbum wird zu einem Skizzierheft der Schöpferin. Gerade das Paradoxe der Übertragung des Bildes über den Fotoapparat in rein malerische Mittel, wozu sie die hyperrealistische Art der Malerei, die Arbeit mit der Farbe, dem Licht und dem Schatten, der verschwimmenden Handschrift, der Perspektive oder der radikalen Deformation der Proportionen zur Erreichung einer Illusion nutzt, eröffnet eine weitere, beunruhigende Dimension der Bildlichkeit ihrer Werke. Das Menschliche versucht sie mit dem Körperlichen zu konfrontieren, konkret mit dem Irrealen und Idealen, das Fassbare mit dem Unfassbaren, um etwas auszusagen oder sich zumindest anzunähern an die Urfrage über die Beziehung des Körpers und des Geistes.

Es ist wohlbekannt, dass sich Dorota Sadovska – wie sie selbst sagt – „nicht nur für die Malerei, sondern auch für das Bild interessiert“. Und wir ergänzen: Sie interessiert sich ebenso für den räumlichen Kontext – die Installation (nicht das Installieren) der Bilder. Sie arbeitet damit gleichsam mit einem physischen Objekt, einem Gegenstand; gewöhnlich ohne Rahmen, sondern einer selbsttragenden Struktur, die die Form des traditionellen Hängebildes einhält, einer Bildleinwand, eingespannt am Unterrahmen, mit Glanzseite und Kehrseite, sich öffnend in den Raum – es wird etwas aufgedeckt und zugleich versteckt. Jede Ausstellung (seit der Ausstellung in der Galerie Priestor / Space 1999) ist als „site specific“ konzipiert, abhängig nicht nur vom Ort, sondern auch vom Vorhaben der Künstlerin, der ein gewisser spielerischer Zug sicher nicht fremd ist: Mal hängt sie die Bilder unter der Decke auf, mal tapeziert sie damit den gesamten Ausstellungsraum, oder sie begrenzt mit den Bildern den Raum im Raum, bildet aus ihnen einen Kubus, ein Prisma, einen Korridor oder eine geneigte Ebene, ein anderes Mal entsteht ein Labyrinth mit diversen im Voraus gegebenen oder auch zufälligen Bewegungstrajektorien für den Zuschauer. So verfährt sie nicht nur mit dem Bild, sondern auch mit dem Betrachter ihrer Werke, den sie in eine nicht ganz übliche körperliche Aktion einbezieht (ähnlich wie die Menschen in ihren Bildern müssen sie ihre Köpfe neigen, verrenken, wenden). Oftmals wird das Licht zu einem wichtigen Element ihrer räumlichen Überlegungen – nicht das Licht, das aus ihren Bildern strahlt, sondern die äußere, künstliche Beleuchtung, die nicht nur zum Koproduzenten der Atmosphäre, sondern zu einem wichtigen bedeutungsbildenden Element des „Lesens“ der Ausstellung wird. Und da jedes neue Projekt und seine Form zuerst im Kopf und in der Vorstellungskraft der Künstlerin geboren werden, lassen wir uns auch diesmal überraschen, wie sich ihre Große Liebe, kleine Geschichte in die Realität des Ausstellungsraumes übertragen lässt und welches Leben darin ihre Engel leben werden ...
Katarína Bajcuro


Vergangene Termine

  • Di., 12.05.2015 - Sa., 13.06.2015

    Mo: Geschlossen
    Di: 13:00 - 18:00 Uhr
    Mi: 13:00 - 18:00 Uhr
    Do: 13:00 - 18:00 Uhr
    Fr: 13:00 - 18:00 Uhr
    Sa: 11:00 - 15:00 Uhr
    So: Geschlossen
    Dieser Termin hat bereits stattgefunden.