Kunstausstellung

George Grosz - Ecce Homo


"Ecce Homo", die vielleicht berühmteste Grafikfolge von Georg Groß, der sich ab 1916 in einem Anfall von Ekel vor seinen deutschen Zeitgenossen amerikanisierend George Grosz nannte, ist ein Kompendium voll kommentarloser, beißender Bildsatire - stilistisch ein Mischwesen zwischen dem ausuferndem Furioso eines Hieronymus Bosch, futuristischem Geschwindigkeitsrausch und geometrischer Strenge des Kubismus. Darüber hinaus ist "Ecce Homo" wie jede große Satire von großem Ernst getragen und, wie schon der Titel verrät, voller Anspielungen auf die "ewigen" Menschheitsthemen. In beinahe enzyklopädischem Ausmaß zeugen die Blätter von der Befindlichkeit des Berliner Lebens der Zwischenkriegszeit, mit seinen Spießbürgern, Hochstaplern, zu Geld gekommenen Kriegsgewinnlern und den Heerscharen von modernen Sklaven oder (wie wir sie heute nennen würden) "Diensteistern", die Erstgenannten jederzeit zur Verfügung stehen.

Berlin steht dabei pars pro toto für den "ganz normalen" großstädtischen Wahnsinn der Moderne, was den Zyklus mit hohem Aktualitätsgrad ausstattet. Bei Grosz kommt eigentlich kaum einer gut weg (nicht einmal der Künstler selbst, der ein blaues Auge abbekommt), denn auch die Gentleman- und institutionellen Gauner erwischt es irgendwann einmal. Man fühlt sich in Döblins ein paar Jahre später entstandenen Roman "Berlin Alexanderplatz" versetzt, den man als die literarische Entsprechung zu "Ecce Homo" bezeichnen könnte. Hier wie dort sind die "kleinen Leute" Duckmäuser, jederzeit und zu jedem Preis bereit, sich einen auch noch so kleinen Vorteil zu verschaffen und die "Großen" übermächtig, zynisch und brutal. Wenn Grosz überhaupt irgendjemandem gegenüber Sympathie zeigt, dann den in der gesellschaftlichen Rang- und Hackordnung ganz unten stehenden wie z.B. den Prostituierten, die bei Grosz mitunter die Würde von Königinnen ausstrahlen. Damit erweist sich Grosz nicht nur als Klassiker im Sinne Boschs sondern steht auch in der Nachfolge von Künstlern mit sozialem Gewissen wie Daumier oder Van Gogh. Erster behandelt die Fehler seiner Zeitgenossen trotz weitgehender Verwendung von weicher Lithokreide sozusagen mit spitzer Feder, während zweiter zumindest in seinem Frühwerk die Milde und das Pathos der Zuneigung für die Unterprivilegierten hervorkehrt. Von beidem hat Grosz' "Ecce Homo" etwas, schon allein wegen der Technik, in der die Vorlagen für die Vervielfältigung in fotolithographischem Verfahren geschaffen wurden: Feder und Tusche für die schwarz-weißen sowie zusätzlich weicher Aquarellpinsel und Wasserfarbe für die farbigen Zeichnungen waren die Mittel der Wahl.

Es ist kein Wunder, daß "Ecce Homo" nur etwas über ein Jahr lang in seinem kompletten Umfang verkauft werden durfte, denn die Ankläger und Richter waren bald nach Erscheinen auf den Plan gerufen (siehe Artikel unten). Wenn schließlich auch kein Totalverbot erfolgte, so mussten doch zahlreiche Motive aus dem in verschiedenen Buch- und Mappenvarianten herausgegebenen Werk entfernt werden. In der Galerie Hochdruck sind alle 16 farbigen Blätter der unzensierten Mappen-Edition B II zu sehen.


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