Kunstausstellung

Ernesto Neto


„Ich bin Skulptur und ich denke als Skulptur“, so der international gefeierte anerkannte brasilianische Bildhauer Ernesto Neto (*1964), dessen pulsierendes Œuvre im Sommer 2015 die Kunsthalle Krems in ein sensuell erfahr- und erfassbares Gesamtkunstwerk verwandeln wird.

In Kooperation mit Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien überschreitet dieses Ausstellungsprojekt nicht nur disziplinäre sondern auch institutionelle Grenzen. Während die Personale in Krems mit Arbeiten aus den letzten 25 Jahren retrospektiv angelegt ist, wird sich Neto in der TBA21–Augarten mit einer neu-kommissionierten Installation schamanistisch-sprituellen Traditionen und überlieferten Heilungsritualen der indigenen Völker des Amazonas widmen und diese mit Themen der Anthropologie, des Zeremoniells, der Überlieferung und Formen der Gegenwartskunst verweben.

Ernesto Netos Werk steht gleichsam für einen erweiterten körperhaften Skulpturenbegriff sowie für ein holistisch motiviertes Weltverständnis. Fest verwurzelt in der brasilianischen Kunst- und Kulturgeschichte seit dem Ende der 1950er-Jahre, lässt es sich etwa mit dem Neokonkretismus – dessen Hauptprotagonisten Lygia Clark und Hélio Oiticica wesentliche Weichen in Hinblick auf eine alle Sinne berührende interaktive Kunst und ihr soziales Potenzial gestellt haben – oder auch mit der Tropicália-Bewegung oder dem so genannten Tropicalismo – einer von Künstler(inne)n, Dichter(inne)n, Filmschaffenden und Theatermacher(inne)n getragenen Protestbewegung der revolutionär-geprägten 1960er-Jahre gegen die Militärdiktatur in Brasilien – in Verbindung bringen. Weit über die geläufigen Grenzen von Skulptur hinaus oszillieren Netos biomorphe Rauminstallationen an der Schnittstelle zwischen Bildhauerei, Architektur und Design, zwischen Tradition und Innovation. Obwohl Neto in der Produktion seiner Werke neue Materialien und modernste Technologien einsetzt, greift der Künstler dennoch konsequent auf das Potenzial seiner nächsten Umgebung – auf indigenes Wissen und traditionelles Handwerk – zurück. Sein Handlungsraum ist geprägt von sozialer Ausrichtung,Solidarität, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. Dabei verfolgt er das politisch zu verstehende Ziel, in einer universellen, sinnlich-erfahrbaren Sprache ein kollektives Bewusstsein für das fragile Gleichgewicht der Welt und der bewohnten Umwelt zu intensivieren. Dementsprechend sind konstruktive und physikalische Parameter, wie etwa die Verlagerung von Gewicht, die Herstellung von Gleichgewicht und die alles zentrierende Kraft der Gravitation als entscheidende Faktoren in Netos Werk. Doch gemäß seinem Wille nach einem umfassenden Weltverständnis, reicht sein künstlerisches Streben weit über die Gesetze der reinen Logik hinaus und findet gleichermaßen in verbaler wie non-verbaler Poesie und einer forcierten, haptisch-sinnlichen Sprache in Formen, Farben und Materialien Ausdruck.

Von frühen hängenden Skulpturen, wie beispielsweise Copulônia (1989/2009), die der Künstler bereits seit den späten 1980er-Jahren entwickelt, über die fluide-wogenden, biomorphen Installationen der Serie Naves bis zu architektonisch anmutenden Knochenstrukturen aus Sperrholz, Wandreliefs aus buntfarbigen Fäden und ausufernden Bodenarbeiten, erstreckt sich die Bandbreite seiner raummodulierenden Arbeiten. Elastische Nylonschläuche – gefüllt mit allerlei organischen und anorganischen Materialien, wie etwa Sand, Gewürze, Glasperlen, Blei- und Styroporkugeln – streben, der Gravitation ergeben, vertikal zu Boden und bilden in ihrer Behäbigkeit Antipoden zur Transparenz der Oberflächen. Lautmalerische Titel wie Stone Lips, Pepper Tits, Clove Love, Fog Frog oder Life is Relationship (2008) verraten woraus Ernesto Netos bioskulpturaler Kosmos gewebt ist, nämlich aus Sinnlichkeit, Körperlichkeit, Gerüchen, Berührung, Intimität und Beziehungen. Dieses fragile Geflecht aus Empfindungen und Interrelationen teilt der Künstler in seinen vielfach interaktiv-erlebbaren Skulpturen mit den Besucher(inne)n seiner Ausstellungen. So spricht Neto sinngemäß von seinem Bestreben, die Menschen aus ihrer Alltagsrealität herauszuholen, um sie in ein Traumland zu entführen, indem er eine Art Oase kreiert, in der sie atmen und denken können. Sein künstlerisches Schaffen steht für ein leidenschaftliches Bewusstmachen unserer leiblichen Teilhabe an einem universellen Gefüge, um dessen Gleichgewicht zu erhalten und wie beim Spiel, Tanz oder im Zuge eines Rituals, Achtsamkeit, Verantwortung und Respekt im Umgang miteinander einzufordern.


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