Theater

Ein bißchen Ruhe vor dem Sturm


Drei Schauspieler sitzen im Fernsehstudio und warten auf ihren Auftritt. Gleich werden sie in der Kultursendung über die Grenzen der Theaterkunst diskutieren. Sie wissen, wovon sie reden. Zwei von ihnen haben sich als Hitler-Darsteller bewährt, der dritte als Goebbels.

Ihr Auftritt verzögert sich, also kommen sie ins Gespräch – aber in was für eines!

Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ trifft auf Bernd Eichingers „Der Untergang“: Ein fast fundamentalistischer Kulturkampf tobt hier - zwischen dem alten „Naturalismusschwindel, bei dem man wie vor hundert Jahren Text aufsagt!“ und den „narzisstisch überdrehten Provokationsdeppen, die sich in Selbstbespiegelung suhlen!“ – Aber ebenso zwischen denen, die als Hitler Schokoladekuchen gegessen und dabei bei jeden Bissen die Vernichtung mitgespielt haben und jenen, die nie versuchten, unten im Bunker als Hitler ihre Suppe bösartig zu essen…

Da kann es schon einmal vorkommen, dass der Eine froh ist, heute wieder ohne Polizeischutz auszukommen, nachdem er einmal nackt auf der Bühne kniend mit den Zähnen Seiten aus dem Koran gerissen hatte (gewisse Leute haben das fehlinterpretiert, die haben nicht verstanden dass man doch auf ihrer Seite war) und der Andere, dass er einen Schweizer Pass hat, ohne den er Hitler nie spielen hätte wollen (weil ja doch nicht jeder hitlertauglich ist).

EIN BISSCHEN RUHE VOR DEM STURM ist ein außergewöhnlich witziges und scharf pointiertes Stück Theater. Über die Problematik der Darstellung des Bösen auf der Bühne, die Debatte um die Kunstfreiheit, und die Frage von Werktreue versus Regietheater. Und die perfiden Wortspiele der drei Bühnengranden teilen auch tüchtig Tachteln aus für die schon zum Allgemeingut gewordene Schaustellerei, bei dem wir sitzen und reden und immer reden und alles bloß Aufwärmübung ist für die große Talkshow, aus der dann aber doch nie etwas wird.

Herrlich komisch und intelligent zeigt das Stück, dass Theater und Leben eben auf ziemlich komplizierte Weise verquickt sind. Denn die mit allen Finessen ausgetragenen schauspielerischen Wadelbeißereien könnten genauso gut an vielen anderen Orten abseits der Bühne stattfinden.

Im Gespräch der drei Schauspieler umrundet das Theater sich selbst - und lacht. Das Lachen, das aus Theresia Walsers Stück aufsteigt, ist ein Hereinlachen, der Witz ist eine Einladung: Wer gewillt ist, sich weder von Angst dumm noch vom Vorurteil blind machen zu lassen, der ist hier willkommen.

HITLER-DARSTELLER ZWEI: Sie kennen die Theaterleute ja, sind alle nur an ihresgleichen interessiert, bei allem, was nicht mit ihnen zu tun hat, gähnen sie vor Langeweile. Seit Jahren steht man auf den Premierenfeiern herum mit den Kollegen, die da trinkend, tanzend, feiernd… Sie kennen das ja, an diesen nächtlich aufgeheizten Tischen, da werden Bündnisse geschmiedet, Rollen verteilt, ja, ganze Spielpläne werden da… wer da nicht dabei sitzt und mitfiebert….

HITLER-DARSTELLER EINS: Schauspieler die Applaus brauchen sind arme Affen. Applaus war mir immer peinlich, dieses sich wieder und wieder Verbeugen müssen, wenn es nicht aufhören mag, dieses Geklatsche, und man fünf-, sechs-, sieben-, oft zehnmal hinaus muss, nur weil das Publikum nicht genug kriegt, wie man sich vor ihm verbiegt und verbeugt. Ekelhaft. - Ich spiele für die Sache.

von THERESIA WALSER

Österreichische Erstaufführung

Andreas PATTON (Hitler-Darsteller 1 Franz Prächtel)
Simon HATZL (Hitler-Darsteller 2 Peter Söst)
Heinz WEIXELBRAUN (Goebbels-Darsteller Ulli Lerch)

Regie: Hans-Peter KELLNER

Assistenz / Mitarbeit: Andrea Ozabalova, Luisa Berghammer

Eine Produktion der Juggernauten

Aufführungsrechte bei Rowohlt Theater Verlag, Reinbek bei Hamburg


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