Pop / Rock

East Cameron Folkcore


East Cameron Folkcore:
Wann? Das ist die große Frage, die hinter dieser Platte steht. Wann, verdammt? Wann ist das Fass so voll, dass es überläuft? Denn die Tropfen plätschern stetig: Auf dem Tahrir-Platz in Kairo. In den Zelten vor der Wall Street. In Madrid und in Belfast, in Athen und in Rio. Die jungen Türken im Gezi-Park in Istanbul. Der Rentner, der in Stuttgart mit Wasserwerfern fast blind geschossen wird. Die Bloggerin im Knast von Tunis: Das sind die direkt Betroffenen. Indirekt betroffen sind wir alle – oder sollten es zumindest sein, wenn es nach East Cameron Folkcore geht. Das System hat keine Fehler. Das System ist der Fehler.

Also singt uns diese wild gewordene Horde auf For Sale zehn Lieder vom Anfang der Proteste, vom Ende des Kapitalismus und von der Mitte der Gesellschaft (also von uns, wenn wir ehrlich sind), die man gar nicht fest genug am Kragen packen und gar nicht laut genug anbrüllen kann, bis der Lethargiepanzer bröckelt. Um die Maschine zu stoppen, die einen krank im Herzen macht, muss man sich mitten hineinwerfen, die Räder anhalten, die Hebel blockieren: Mit einem Zitat von Mario Savio, dem Wortführer der US-Studentenproteste in den 1960ern, machen East Cameron Folkcore gleich zu Beginn klar, in welcher Tradition sie stehen.

Da tut es dann auch nichts zur Sache, dass die Heydays von Protestsängern wie Bob Dylan oder Phil Ochs bald 50 Jahre zurückliegen und auch die letzte große Dagegen-Kultur namens Punk schon vor über drei Jahrzehnten losging. Denn manche Dinge kann man nicht oft genug sagen. Beziehungsweise schreien. Und konstruktiver als die Adorno-Losung Es gibt kein richtiges Leben im falschen ist der Ansatz von Savio allemal. Für bequeme Resignation, Zynismus und den Rückzug ins Private sind East Cameron Folkcore trotz aller Zweifel und Verlockungen dann doch nicht zu haben. Wohl aber für eine Dreiviertelstunde Kraftmeierei und Inferno. Der Bandname spricht hier tatsächlich Bände: Mit der Energie und dem Zorn einer Hardcore-Band haut uns dieses elfköpfige Monster ungemein eingängige Melodien in die Birne. Die können zwar Folk-Wurzeln haben, müssen es aber nicht. Denn Stilgrenzen interessieren hier nur am Rande. Rock oder Punk, Folk oder Country, düstere Besinnung oder testosterongeladener Nackenschwinger: All music is folk music, glaubt die Band, und wirft alles, was sie hat, in die Waagschale. Banjos und Mandolinen. Cellos und Posaunen. Und natürlich Gitarren, Gitarren, Gitarren. Es wird laut, und dann noch mal ein Stück lauter. Der Pegel tief in den roten Bereich gezerrt.

Weil einem, klar, die ganzen Ficker mit ihren zugekleisterten Ohren sonst nicht zuhören. Vergleiche zu finden, ist schwierig. Murder By Death nach dem Tupamaros-Trainingscamp? Eleven statt Two Gallants? Gogol Bordello im Bourbon-Rausch? Auf eine gewisse Art vereinen East Cameron Folkcore die Stärken von Jack White und Conor Oberst, klingen manchmal wie die imaginierten White Striped Bright Eyes, deren Blick nach außen statt nach innen gerichtet ist. So muss man sich eine linksalternative E Street Band vorstellen – nur dass diese aus Austin, Texas, stammt und nicht in voll besetzten Stadien, sondern in illegal besetzten Häusern aufspielt. Doch im Gegensatz zu den eben genannten gibt es hier keinen künstlerisch dominierenden Charakter. Diese Schlange hat elf Köpfe, die Stärke kommt aus dem Kollektiv. Bier und Saiten, Gesang und Schlafplatz: Was geht, wird geteilt. Inhaltlich reichen die Bezüge von Robin Hood bis zu Radiohead, von Amerikas bekanntestem Haijäger bis zu den Sklaven in Gizeh, von Ritalin zu Buddha, von Arbeiteraufständen zu christlichen Predigern. Sallie-Mae ist eine mitreißende Anklage an das Finanzierungssystem der US-Hochschulen, das zehntausende von Studenten in die Schuldenfalle zwingt. Höchst sperriges Thema, höchst stimmige Umsetzung: Am Schluss ist die Faust oben, das Hemd durchgeschwitzt und die Erkenntnis gewonnen, wie sehr Banjos und Cellos rocken können.

Bei Don't Choke wird in den Trümmern DooWop getanzt: Harmonisch-liebliche Backgroundgesänge und klassisches Fifties-Songwriting á la Drifters, aber eben auch diese Stacheldrahtstimme, die irgendwo zwischen Tom Waits und Jeff Clayton herumirrt. Spannung und Erlösung. Katharsis und Triumph: Hier kommt alles zusammen. Und auch ein eher privater Song wie Worst Enemy, der als Weckruf an den saufenden Kumpel verstanden werden kann, bekommt eine politische Facette: No one's born a victim heißt es hier. Wer darauf aus ist, kann für alles einen Schuldigen finden. Bleibt nur die Frage, ob sich jemals etwas ändert, wenn man statt sich selbst immer nur die anderen in die Pflicht nimmt? Die Ambivalenz des 21. Jahrhunderts, diese Zerrissenheit zwischen Hirn und Herz, zwischen Pflasterstein, Online-Petition und Homeland-auf-dem-Sofa-Glotzen, spiegelt sich nicht zuletzt im Albumtitel For Sale wider. Hier hat man es mit einer Band zu tun, die sich vollkommen bewusst ist, in welcher Zeit und unter welchen Umständen sie sich zu Wort meldet: Ihr könnt unsere Platten kaufen, aber niemals unsere Ideale. Nach 45 atemlosen Minuten endet For Sale mit einem letzten Donnerschlag. Director's Cut formuliert zunächst einmal die scheinbare Ausweglosigkeit: We dont have a say in this director's cut / We all play a part but we're all getting fucked. Aber der Kopf bleibt eben nicht im texanischen Wüstensand stecken, mit Pauken und Trompeten machen sich East Cameron Folkcore ins gelobte Land aller Rockmusiker auf. Dorthin, wo es Exzesse, Schnaps, dienetteren Menschen und die bessere Musik gibt: So I hope you know we're all going to hell / If in fact we're not already there / Then I still wish you well. Wenn so die Hölle klingt, kommen wir sehr gerne mit.


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