Party · Pop / Rock

Early Show Kuve; Vierkanttretlager


Vierkanttretlager
Noch nicht mal zwanzig und schon fast altersweise - Vierkanttretlager hoffen und verzweifeln auf ihrem Debütalbum zugleich. Irgendwo zwischen Element of Crime und Turbostaat trifft reifes Textwerk auf nordisch-ungestüme Gitarren, der abgeklärte Greis auf den jungen Wilden. ´Dort wo die Einsamkeit die schönsten Farben trägt´ singt Casper auf dem gemeinsamen Song "Hooligans" und meint damit die absurde Romantik kleinbürgerlicher Tristesse. In Husum wächst eine Alternative heran.

Der Wind peitscht, der Regen prasselt und die Flutwellen schlagen dem Seebären die Pfeife aus der Hand. Darum wird es wohl gehen auf dem Debütalbum der Husumer Vierkanttretlager, wenn es nun schon „Die Natur greift an“ heißt.

Das möchte man denken und liegt wunderbar falsch: Die Naturgewalt, die Vierkanttretlager in ihren 11 Liedern so eindringlich beschreiben, ist eine andere: die Zeit. Der Titel beschreibt in all seinem Pathos am Ende nur die schlichte Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit. Eine Erkenntnis, die typischerweise mit dem Abschluss eines Lebensabschnitts einhergeht. Bei Vierkanttretlager war das so. Mit nicht mal zwanzig Jahren haben sie in ihrer Heimatstadt all ihre Pflichten erfüllt. Sie sind also frei alles zu tun und doch befangen von ihrem Umfeld. Zu hadern gibt es viel, Vierkanttretlager fangen bei sich selbst an. Sie zücken keinen Zeigefinger, der nicht auch auf sie selbst zeigt und sind damit Kläger und Angeklagte zugleich. In vollem Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit versuchen sie sich vor dieser Gewissheit zu retten, verschließen die Augen, öffnen sie nur, um Schönheit zu sehen. Dennoch mag man nicht recht sagen, ob es jugendlicher Hochmut ist oder eine alte Seele, die die Texte der Band belebt. Das Zwiegespräch, das Sänger Max Richard Leßmann mit seiner Welt führt, ist ein kühles, bedachtes. Doch immer wieder zieht ein Schleier aus Eifer und Spott über die gesetzten Worte, immer dann, wenn der Junge dem Greis ins Wort fällt.

Kernstück dieses Wechselspiels aus Entwicklung und Stagnation, der Menschwerdung und der angedeuteten Flucht ist die namensgebende „Die Natur greift an“ - Trilogie am Ende des Albums. Beginnend mit „Um Schönheit zu sehen“ setzt sie in dem Lebensabschnitt ein, in dem sich die Protagonisten befinden. Ausgestattet mit dem Wissen und den Regeln unserer Zeit stehen sie da und beginnen sich unwohl zu fühlen. All das Gerede, das ihren Alltag geformt hat, ist zu statisch und formelhaft. Sie beginnen also mit winzigen Befreiungsschlägen, auf die immer größere folgen.

Sie legen ab, was ihnen nicht mehr passt, machen sich mehr und mehr los von allem und stranden so in das nächste Stück „Keine Menschen mehr“. Hier erkennt der plötzlich so freie und scheinbar selbstbestimmte Mensch neben der Unüberwindbarkeit seiner Dogmen und dem damit verbundenen Schmerz auch eine große Notwendigkeit. Um welchen Preis gilt es also frei zu sein? Aus der Gewalt dieses inneren Kampfes wird man nun in die anfängliche Stille eines Sprechstücks entlassen. Eindringlich erzählt die personifizierte Menschheit, ein unüberschaubares Wir, von der Entstehung neuen Lebens. Den neuen Menschen in den Armen wiegend birgt „Gib deinem Leben keinen Sinn“ den Leitfaden durch die für ihn noch unerschlossene Welt und gibt diesem traurigen Satz einen doch hoffnungsvollen Kontext. Nur ohne Zwang lockt der Gewinn. Greis und Junge lassen sich in einem Paddelboot über die Nordsee treiben.

Deutlich ist eines: Es soll nichts verändert werden und das kann es auch gar nicht. Vierkanttretlager möchten die Stimme keiner Bewegung sein, Vierkanttretlager sind die Stimme des Stillstands und der ist grausam und heilsam zugleich.

Und:
Dj Astrid


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