Pop / Rock · Elektronik

Donaufestival Krems - Leider abgesagt !


Das Donaufestival Krems für zeitgenössische Kunst und Kultur geht auch 2020 wieder an den Start.

Maschinen sind wie wir – und sie mögen uns. Ist die Zuneigung auch eine Drohung? Und von welchen Maschinen sprechen wir eigentlich? Von Robotern, die uns im Krieg vergiften oder im Alter pflegen? Von spracherkennungsbasierten digitalen Diener*innen mit Lauschfunktion oder von ganzen sozialen Steuerungssystemen, die ein „Wir“ und ein „Ihr“ herstellen? Von der Aufrüstung der Biotechnologie, von Bots oder von Cyborgs?

Unter dem Einfluss der Maschinennetzwerke wandeln sich auch die Fähigkeiten und Selbstbilder der algorithmisch bearbeiteten Menschen selbst. Zudem sind wir andere geworden, seitdem wir erfahren haben, wie Maschinen klingen, Bilder machen oder uns dazu bringen, über Roboterethik oder sogenannte Todesalgorithmen in selbstfahrenden Autos nachzudenken. Und wir werden wieder andere, wenn wir uns damit beschäftigen, was Maschinen vermögen, wenn sie uns – wie etwa in den computeranimierten Filmen Geomancer (2017) oder AIDOL 爱道 (2019) von Lawrence Lek - eine Welt ohne Menschen, aber voller Empfindungen anbieten. In dem vom Künstler*innenkollektiv Metahaven für die Kunsthalle Krems und das donaufestival produzierten Film Chaos Theory fragt eine zehnjährige Protagonistin nach dem Erkenntniswert der Sprache, ohne auf heutige Reizthemen, wie von Social Bots gestreute Fake News, einzugehen.

Das donaufestival 2020 demonstriert verschiedene Aspekte der Verstricktheit von Menschen und Maschinen, die sich in ihrer Gesamtheit weder zu einer simplen dystopischen Technophobie noch zu einer utopischen Heilserwartung an kommende Superintelligenzen zusammenfügen lassen. Bendik Giske mikrofoniert etwa seinen Körper, um mit seinen technoid und explizit queer gedeuteten Saxofonsounds zu verschmelzen. Zwei aufwändige Musikprojekte deuten exemplarisch auf den Reichtum weiterer Bezüge zur „Technosphäre“ hin. Die Inszenierung des gespenstischen Soundtracks zur gefeierten TV-Miniserie Chernobyl der Oscar-Preisträgerin Hildur Guðnadóttir (featuring Chris Watson und Sam Slater) im niemals in Betrieb gegangenen Atomkraftwerk Zwentendorf basiert auf Field Recordings in einem aufgelassenen Atomkraftwerk in Litauen (ACHTUNG: Zusatzticket zum Tages- bzw. Mehrtagespass notwendig!), während die Performance CBM 8032 AV des Musikers, Sounddesigners und Softwareentwicklers Robert Henke im Audi Max der Donau-Universität Krems die grünen Grafiken aus Zahlen und Mustern und die pulsierenden Sounds von fünf Commodore-Computern aus dem Jahr 1980 feiert. Weitere Entwürfe einer maschinenlastigen Musik reichen vom Future-Pop von SOPHIE über eine neue AVInszenierung für das donaufestival von Jung An Tagen und Rainer Kohlberger bis zu den Versuchsanordnungen akustischer Elementarteilchen von Eric Frye. Sie umspannen die zerklüfteten Sounds von xin, den von Noise und Industrial infiltrierten HipHop von clipping. oder die Beats von Umfang und HAAi. Dazu finden sich auch Acts, die auf die forcierte Reibung von menschlichem Ausdruck und maschineller Produktion setzten oder überhaupt auf den Kontrapunkt des Humanen insistieren. Solche Musik stammt etwa von den Lärmstoikern Swans, von der This Heat-Legende Charles Hayward, vom Sänger Ghostpoet, von der Free Jazz-Naturgewalt Caspar Brötzmann Massaker, von bruitistischen Lärmkünstlerinnen wie Elvin Brandhi oder AJA, von der DIY-Sehnsuchtsmusikerin Ela Orleans, von Bands wie WIRE, Girl Band, Moon Duo, Die Orangen oder Oktober Lieber, von globalen Soundkünstlerinnen wie Deena Abdelwahed, Senyawa oder Gabber Modus Operandi oder von Leyland Kirby alias The Caretaker, dessen Musik vom verlorenen Zukünften und entgleitenden Erinnerungen geprägt ist.

„Ich glaube, jeder sollte eine Maschine sein“, sagte dagegen Andy Warhol, ein Fan der soliden technischen Aufzeichnung. Marco Donnarumma und Margherita Pevere interpretieren in ihrer Performance Eingeweide diese Aufforderung als Transformation von Muskelbewegung in Sound generierende Daten bzw. als Interface von künstlerischer und künstlicher Intelligenz. Susanne Kennedy und Markus Selg gehen in Algorithmic Rituals - The Infinite Self den umgekehrten Weg und lassen fahrende Roboter rätselhafte Bewegungsabfolgen aufführen. Die ausgebildete Mikrobiologin Ira Melkonyan und the rubberbodies collective degradieren in Upstairs Geology 50/50 das Humane zum Beiwerk einer systemischen Balance, die durch leckende Gefäße und rinnende Flüssigkeiten gestört wird. Der Performance-Titel NO.HUMANS.INVOLVED. der Choreographin Nomcebisi Moyikwa ist von dem Titel No Humans Involved. An Open Letter to My Colleagues der Schriftstellerin und Kulturtheoretikerin Sylvia Wynter beeinflusst. In Reaktion auf die Unruhen in Los Angeles 1992 beschreibt der Brief, wie in den vorherrschenden Wissensordnungen manche Personengruppen nicht als Menschen gezählt wurden. Ariel Efraim Ashbel and Friends schließlich kehren mit der an David Lynchs Werk angelehnten Uraufführung von Fire Walk With Me zurück nach Krems. Diesmal wird die monumentale Dominikanerkirche in eine Twilightzone zwischen Horror und Comedy verwandelt. Nebelmaschinen könnten dabei hilfreich sein.


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