Theater

Donadieu



Nach der bekannten Ballade „Die Füße im Feuer“ hat Fritz Hochwälder, der meistgespielte österreichische Autor der 50er und 60er Jahre, ein wieder hoch aktuelles Stück über Rache, Vergeltung und Vergebung geschrieben, dass ebenso gut heute am Balkan oder im Nahen Osten spielen könnte, statt im Frankreich des 17. Jahrhunderts.

„Donadieu“
Schauspiel von Fritz Hochwälder

Der französische Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Hugenotten liegt in den letzten Zügen, ein erschöpfter Waffenstillstand herrscht, Jahrzehnte Terror und Elend haben beide Seiten müde gemacht. Donadieu, ein hugenottischer Adeliger, hat sich resigniert auf sein befestigtes Schloss zurückgezogen und will nur in Ruhe in seinem protestantischen Glauben leben, mit seiner Tochter und einer Gruppe durch die Kriege unter seinen Schutz geflüchteter Glaubensbrüder. Da stehen in einer Gewitternacht zwei Offiziere vor seinem Tor, Kuriere des katholischen Königs auf der Durchreise mit Entwürfen für einen Friedensvertrag, die für diese Nacht Unterkunft und Gastrecht fordern. Donadieu gewährt es ihnen, doch dann erkennt seine Tochter in einem der beiden Gäste den Mörder ihrer Mutter, die vor Jahren bei der Plünderung des Schlosses bestialisch zu Tode kam. Donadieu muss sich entscheiden: Angemessene Gerechtigkeit oder endlich Frieden?

Kritik

Wer den Titel nur flüchtig gelesen hat, könnte glauben, dass es in dem Stück um die Verabschiedung eines Mafiapaten geht: „Don, adieu“. (Seit Erfindung des Beistrichs sind solche Missverständnisse schon öfter vorgekommen.) In Wirklichkeit spielt das Drama des einst hochgeschätzten Bühnenautors Fritz Hochwälder aber im Jahr 1629, als es noch lange keine Ehrenwerte Gesellschaft gegeben hat. Doch auch hier geht es um grausame Verbrechen, zu allem entschlossene Rachsucht und eine Frage der Ehre. Welcher Unterschied besteht schließlich zwischen Gangsterbanden des organisierten Verbrechens und wildgewordenen Religionsfanatikern? In diesen bibelfesten Zeiten haben sich Protestanten und Katholiken gegenseitig zerfleischt - sie zogen raubend und mordend durchs Land, um einander endgültig auszuschalten und zugleich sehr weltliche Machtgelüste zu befriedigen. Selbstverständlich wurde dabei auch keine Rücksicht auf das Leben von Frauen und Kindern genommen. Was tun, wenn also klar wird, dass man den seit sechs Jahren gesuchten Mörder der eigenen Frau für eine Nacht unter seinem Dach beherbergt? Heutzutage würde man vermutlich die Polizei rufen oder eine Affekthandlung begehen und dann auf einen guten Anwalt hoffen. Im frühen 17. Jahrhundert hat man als Hausherr das Straf-Recht noch in die eigene Hand genommen, doch leider stehen für Herrn Donadieu der privaten Vergeltung nicht nur das Gastrecht, sondern auch weltpolitische Belange hemmend gegenüber.

Das Geschehen spielt sich in der Wiener Scala diesmal zwischen den Zuschauern ab, denn sie haben auf beiden Seiten einer Raumbühne Platz genommen, die von Marcus Ganser gemeinsam mit Regisseur Bruno Max errichtet wurde. Clemens Aap Lindenberg hat als trauernder Mann in der Titelrolle eine Reihe schwerer Entscheidungen zu treffen, was ihm sichtlich viel Selbstüberwindung abverlangt. Unterstützung erhält er darin von seiner Bühnentocher Alina Bachmayr-Heyda: als Jüngste in diesem Ensemble gibt sie ein vielversprechendes Scala-Debüt. Dirk Warme erweckt als eigentlicher Übeltäter zunächst einen gesundheitlich angeschlagenen Eindruck und zeigt erst in der entscheidenen letzten Szene mit herrischem Auftreten, wes Geistes Kind er ist. Als sein katholischer Kollege macht Wolfgang Lesky einen viel besonneneren Eindruck; immer um Vermittlung bemüht, repräsentiert er die Stimme der Vernunft. Der Finne Karl Rakkola hat an dieser Bühne erst vor zwei Monaten die stumme Rolle des leidgeprüften Fantasiewesens Schmürz gespielt, nun beweist er als harter schwedischer Hauptmann, dass er auch ein ausgezeichneter Sprecher ist. Für gelegentliche Heiterkeit in der düsteren Umgebung sorgt schließlich Bernie Feit: sein ewig hungriger Poet und Hasenfuß Escambarlat ist eine tragikomische Figur, kann aber im gerechtem Zorn geradezu selbstmörderisch mutig werden.
Als Anregung für das Schauspiel diente übrigens ein gerade mal zwei Druckseiten umfassendes Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, das sich im Programmheft dankenswerterweise nachlesen lässt. Obwohl uns die historischen Zeitumstände sehr ferngerückt erscheinen mögen, weil sich heutzutage kaum noch jemand über den Glauben definiert, tut das der Wirkung des Stücks keinen Abbruch. Bruno Max sorgt in seiner Inszenierung für atemlose Spannung, denn die Konflikte spitzen sich immer wieder in Momenten höchster Dramatik zu. Daraus ergibt sich ein rascher Wechsel zwischen Macht und Ohnmacht, Aufbegehren und Unterwerfung, Gnade und Unerbittlichkeit, Glaubensstärke und Verzweiflung.

franco schedl

Inszenierung: Bruno Max
Bühne: Marcus Ganser & Bruno Max
Kostüm: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer

Es spielen:
Alina Bachmayr-Heyda, Margot Ganser-Skofic, Robert Elsinger, Bernie Feit, Wolfgang Lesky, Clemens Aap Lindenberg, Roger Murbach, Kari Rakkola und Dirk Warme

  • Heute

    19:45
  • Fr., 25.05.2018

    19:45
  • Sa., 26.05.2018

    19:45