Kunstausstellung

Die Türkei in Marokko?


Die Web- und Knüpftradition der Berber reicht zurück bis weit in die vorislamische Zeit. Die Isoliertheit, u. a. durch geografische Gegebenheiten, ließ die künstlerischen Formulierungen der einzelnen Stämme sich grundsätzlich weitgehend voneinander unbeeinflusst entwickeln. Dass es trotzdem zu gegenseitigem Austausch kam, liegt vielfach an den Handelsdynamiken, aufgrund derer neue Zentren sowohl des ökonomischen als auch des geistigen Transfers entstanden. Mit dem Islam und seiner raschen Ausbreitung erreichten die klassischen Teppichtraditionen Chinas, Indiens, Zentralasiens, Persiens und Anatoliens auch Nordafrika. Marokko wurde so zum westlichsten Rand des „Teppichgürtels“ und der islamischen Kultur. Der Gördesknoten oder auch türkischer Knoten ist nach wie vor seit dieser Zeit die verbreitetste Knotenform in Marokko. In den Rabat- und Mediouna-Teppichen, die man als höfische Erzeugnisse bezeichnet, kann man die Beliebtheit von türkischer Kunst und Kunsthandwerk leicht nachvollziehen. Das betrifft textile Produkte ebenso wie Keramik, Möbel oder Metallarbeiten.Musterformen, wie sie aus anatolischen Kelims und Teppichen bekannt sind, finden sich in Abwandlung in vielen Gebieten Marokkos. Nicht nur im Rabat-Teppich, sondern auch in den Erzeugnissen der entlegensten Gegenden finden sich eindeutige Spuren dieser vom 17. bis zum 19. Jahrhundert besonders gepflegten Annäherung an türkische Traditionen. Es war gleichsam Mode innerhalb der gesellschaftlichen Elite, sich vor allem mit türkischer Kunst und Kultur zu beschäftigen – diese sogar auf sehr spezielle Art zu vereinnahmen.

Die Galerie Reinisch Contemporary zeigt diesmal Teppiche aus Südmarokko, aus dem Gebiet des vulkanischen Siroua Massivs, das im Wesentlichen den Hohen Atlasmit dem Anti Atlas verbindet. Besondere Wollqualität, sowie die Nähe zu Musterformen des türkisch beeinflussten Rabat-und Mediouna-Teppichs, zeichnen diese Stücke als besonders aus. Tazenakht als Handelsplatz und kulturelles Zentrum ist der Brennpunkt dieser Kulturregion, die wiederum in unterschiedliche Stammesgebiete unterteilbar ist. Auffallend dabei ist, wie sehr sich – weit weg von Rabat – eine Einflusssphäre bilden konnte, die eindeutig und weitgehend bestimmt ist von den strengen Formen einer höfischen Kunst. Diese Teppiche stehen auch im Kontrast zu den monochromen und informell anmutenden Erzeugnissen, die uns heute so sehr an die westliche Moderne erinnern. Die Kultur der Berber zeichnet sich grundsätzlich dadurch aus, dass sie sehr offen gegenüber neuen Eiflüssen war und ist. Neuformulierungen, die die eigene mit der fremden Tradition verbinden, sind dabei kulturimmanent.
Günther Holler-Schuster


Vergangene Termine