Theater

Die Reichsgründer oder das Schmürz


Mit dem Schmürz (auch im französischen Original heißt es LE SCHMÜRZ) erfindet Boris Vian, einer der interessantesten Vertreter des Absurden Theaters, einen Archetyp, wie es sonst nur Becketts Godot ist: eine physische Manifestation der Angst vor etwas, das nur in den Köpfen existiert. Angst, die instrumentalisiert wird, um Menschen zu Feinden zu machen, auszugrenzen und Mitgefühl zu ersticken. Allein schon das macht das Stück beunruhigend aktuell.

„Die Reichsgründer oder das Schmürz“
Von Boris Vian

Schön muss es gewesen sein, als die Familie damals noch in der Sechszimmerwohnung gewohnt hat: Vater León, Mutter Anna, Tochter Zénobie samt Dienstmädchen Cruche. Doch ein mysteriöses Geräusch – blechern und in einem bedrängten Crescendo anschwellend – macht ihnen Angst, zwingt sie, Stockwerk um Stockwerk nach oben zu ziehen. In immer kleinere Wohnungen. Nur eines begleitet sie von Etage zu Etage: Das Schmürz, ein dreckiges, bandagiertes Etwas, das ständig ignoriert, nie angesprochen, in irgendeiner Ecke des Zimmers vegetiert. Die Tochter stellt einmal die zentrale Frage: „Wovor sind wir auf der Flucht“. Das bleibt unbeantwortet. Denn Zénobies Eltern spielen ein Spiel. Dessen Regeln sind: Wegsehen, Verschweigen, Vergessen. Wenn beide keine Ausreden finden, misshandeln sie das Schmürz mit Tritten oder Alltagsgegenständen. Doch dieses Schmürz bleibt; es ist statt dessen die Familie, die sich auflöst, die bei jedem Umzug ein weiteres Mitglied verliert, bis der Vater allein mit seinem Schmürz in der Dachkammer den großen Abgesang auf die bürgerliche Existenz hält.

Mit dem Schmürz (auch im französischen Original heißt es LE SCHMÜRZ) erfindet Boris Vian, einer der interessantesten Vertreter des Absurden Theaters, einen Archetyp, wie es sonst nur Becketts Godot ist: eine physische Manifestation der Angst vor etwas, das nur in den Köpfen existiert. Angst, die instrumentalisiert wird, um Menschen zu Feinden zu machen, auszugrenzen und Mitgefühl zu ersticken. Allein schon das macht das Stück beunruhigend aktuell.

KRITIK

Weil dieses Werk garantiert nicht nur in Schmürzzuschlag für Begeisterung und volle Häuser sorgen würde, hat es Bruno Max nun auf den Spielplan seiner Wiener Scala gesetzt, die Inszenierung jedoch Babett Arens überlassen, da ihr Name französischer klingt (um eine halbwegs absurde Erklärung zu geben). Und es kann an diesem Abend gar nicht absurd genug zugehen, denn immerhin ist Boris Vians Stück ein Musterbeispiel für diese Art von Theater. Während andere Familien ihre Leichen im Keller haben, haust bei den Duponts ein lebendiges Schmürz. Das titelgebende Fantasiewesen stellt eine Mischung aus Mumie, Unfallopfer und Hausgeist dar, ist aber eigentlich das personifizierte schlechte Gewissen oder der Fleisch gewordene Weltschmürz.
Ein Stimmengewirr, das regelmäßig aus den Wänden dringen, treibt die französische Kleinfamilie (Vater – Mutter – Tochter plus Dienstmädchen) fast zum Wahnsinn und aus der jeweiligen Wohnung, was zu ständigen Umzügen in immer höher gelegene und immer kleinere Bleiben führt. Offenbar soll durch diesen schmählichen Aufstieg der Abstieg und Zerfall einer Familie illustriert werden, denn zugleich wächst die Armut und die Zahl der Familienmitglieder sinkt stetig. Bloß das Schmürz bleibt ihnen immer erhalten und wird von den verunsicherten Menschen pausenlos als Punchingball missbraucht, an dem sie ihren Frust brutal abreagieren. Zugeben würden sie das aber nie, weil sie das Wesen angeblich gar nicht sehen können. Sie alle sind in der Lebenslüge gefangen und kaschieren ihr Versagen mit großen Worten. Besonders hervor tut sich in dieser Beziehung Rüdiger Hentzschel in der Rolle des Vaters: er vollführt echte Zungenakrobatik, um die ebenso volltönenden wie nichtssagenden Wortkaskaden in unsere Ohren zu lenken. Auch Lana Francis darf sich als Hausmädchen mit wahrer Lust polyglotten Aufzählorgien hingeben. Einzig die Tochter (Lisa Wentz) hält nichts vom Wegsehen oder Verdrängen, sondern hat Mut zur Ehrlichkeit, verschließt vor dem Schmürz nicht die Augen und spricht aus, was ist. Ihrem Schicksal kann sie trotzdem nicht entgehen - und das hat sie mit den anderen gemeinsam. Am längsten hält der Vater durch und schlüpft zuletzt, völlig vereinsamt, in die Travestie einer Uniform, um im obersten Hauswinkel vor einem offenen Fenster einen Wahnsinnsmonolog zu halten.
Bei aller scheinbaren Absurdität lässt sich doch sehr deutlich erkennen, worauf Vian hinauswill: das bürgerliche Wesen wird bloßgestellt und ab absurdum geführt. Leere Phrasen und billiges Imponiergehabe halten einander die Waage, wobei das hochtrabende Gerede aus Anlass der peinlich-zotigen Beschreibung einer Hochzeit ganz schnell bis zur platten Ordinärheit absinken kann. Die Eltern wollen zudem krampfhaft eine trügerische Harmonie aufrechterhalten – so herrscht ein immerwährendes Weihnachten, erkennbar am geschmückten Baum, der alle Übersiedlungen mitmacht, aber von Umzug zu Umzug ebenfalls kleiner wird, um sich an die beengteren Wohnverhältnisse anzupassen.
In der völlig stummen und sehr schmürzhaften Titelrolle - nur hie und da sind ein paar unterdrückte Schmerzenslaute erlaubt - lässt der Finne Kari Rakkola alle Misshandlungen über sich ergehen und zeigt mit pantomimischen Können seine volle Körperbeherrschung. Doch die Passivität der Figur täuscht, denn das Schmürz erweist sich als eigentlicher Drahtzieher der Handlung und dirigiert zum Beispiel auch während Szenenwechsel die Umbauarbeiten. Bei dem von Martin Gesslbauer und Marcus Ganser gemeinsam erarbeiteten Bühnenbild zieht übrigens die Blicke der Zuschauer vor allem ein verschiebbares Treppenelement an, das in seiner berückenden Schiefheit eine Leihgabe von Dr. Caligari sein könnte.
Um zuletzt auch noch eine ernsthafte Begründung nachzuliefern, weshalb Babett Arens die richtige Frau für diese Regieaufgabe gewesen ist: bereits vor einem Jahrzehnt hat sie das Stück im 3raum-Anatomietheater mit praktisch nicht vorhandenem Budget auf die Bühne gestellt. Damals wurde der Förderungszuschuss mit der Begründung abgelehnt, dass uns die Problematik des Stückes heute nicht mehr ansprechen könne. Wie blind muss man durchs Leben gehen, um ein solches Urteil zu fällen? Die Verdrängungskunst der Familie Dupont findet eben auch in Österreich ihre Entsprechung.

franco schedl

Inszenierung: Babett Arens
Kostüm: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer
Es spielen: Monica A. Cammerlander, Lana Francis, Lisa Wentz, Rüdiger Hentzschel, Florian Lebek, Kari Rakkola


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