Theater

Die Rächer


Wenn Shakespeare das Drehbuch von Pulp Fiction geschrieben hätte, hätte es nicht blutrünstiger, grotesker und extravaganter werden können als Die Rächer, das in England längst wiederentdeckte spektakuläre düstere Vergeltungsdrama seines Zeitgenossen Cyril Tourneur (1575-1626).

Angesiedelt in einem düsteren Phantasie-Italien bösartiger Renaissancefürsten voller Leidenschaften, Abartigkeiten und schnell zustoßender Dolche gibt dieser „Gothic Thriller“ dem Zuschauer das, was das blutrünstige Publikum des siebzehnten Jahrhunderts neben Tierhatzen und Hinrichtungen genauso liebte wie der Hardcore-Actionfilm-Fan der Gegenwart: Pures Theater! Leidenschaft, Verrat, Wahnsinn, geschändete Jungfrauen und Meuchelmord – eine Gratwanderung, bei der alle (auch die fiesesten) Register der Schauspielkunst gezogen werden. In den Figuren und ihren maßlosen Ungeheuerlichkeiten finden sich dabei die Archetypen der großen Shakespearefiguren wieder, von Hamlet bis Richard III., doch in ursprünglicher, noch roher Form. Aber wie es der Autor so treffend formuliert: „Das Trauerspiel ist gut, wenn der Verruchte blutet!“

Von Cyril Tourneur (1607)
Deutsch von H. C. Artmann

Regie: Bruno Max

KRITIK
Blood on the Stagefloor

Wer es blutig liebt, wird diesmal in der Wiener Scala durch Regisseur Bruno Max bestens bedient: bei den Medicis kann es auch nicht aufregender zugegangen sein als am Hof eines fiktiven Renaissanceherzogs (Franz Robert Ceeh als lustgebeutelter Tattergreis). Hier belauert jeder jeden, Schändungen sind ein beliebtes Gesellschaftsspiel, Dolche werden schnell gezückt, doch auch an ausgefalleneren Mordwerkzeugen - wie z.B. einem vergifteten Totenkopf - herrscht kein Mangel.
Dieses Stück eines Shakespeare-Zeitgenossen (die Verfasserschaft ist gar nicht eindeutig geklärt und neben Cyril Tourneur kommt auch Thomas Middleton als Autor in Frage) schreit förmlich nach „Rache“, denn fast jeder der Protagonisten führt das Wort einmal im Mund. Als Haupt-Rächer wird jedoch dank seinem (italienisch) sprechenden Namen Vindice (Florian Graf) hervorgehoben: wie Hamlets tatendurstigerer Bruder handhabt er ebenfalls einen Totenschädel und macht sich daran, die gesamte herzogliche Sippe - teils eigenhändig, teils durch geschickt eingefädelte Intrigen - auszurotten. Zwar kann Vindice alle verhassten Widersacher beseitigen, hat aber dann auch nicht mehr viel Zeit, den Triumph auszukosten, weil ihm seine Redelust zum Verhängnis wird. Doch das Verhängnis trifft hier sowieso alle, egal ob schuldbeladen oder schuldlos, und das Blut sickert förmlich durch die Bühnenbretter (ja es gibt sogar eine Leiche, die gleich noch einmal umgebracht wird).
Von den 14 Darstellern spielen manche Doppelrollen, die unterschiedlicher nicht sein könnten; vor allem bei Selina Ströbele ist das der Fall: erst erleben wir sie als Vindices jungfräulich-unschuldige Schwester und im nächsten Moment tritt sie als sündig-verbuhlte Herzogin in Erscheinung. Auch Florian Lebek hinterlässt als weißgeschminkter Herzogssohn einen starken Eindruck.
Bei soviel Hassentwicklung auf der Bühne würde man fast erwarten, dass sich ein paar Schauspieler mitreißen lassen und zu echten Waffen greifen, doch zum Glück waren beim Schlussapplaus wieder alle sehr lebendig.
franco schedl


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