Die Macht der Gewohnheit


Thomas Bernhards tyrannischer Zirkusdirektor Caribaldi ist trotz enormer Anstrengungen im Grunde doch zum Scheitern verurteilt.

Zirkusdirektor Caribaldi quält die Mitarbeiter seines Wanderzirkus mit seiner großen Obsession: der perfekten Aufführung des Forellenquintetts, bei der er selbst das Cello spielen will. Ein fruchtloses Unterfangen, da durch Unwillen, Ignoranz und Unfähigkeit von Seiltänzerin, Clown, Dompteur und Jongleur immer wieder die Probe verhindert wird. Das Publikum kann in dieser klassischen „Comedie humaine“ mit Vergnügen dem Direktor, einer typisch Thomas Bernhardschen Tyrannenfigur, dabei zusehen, wie er trotz sprachgewaltiger Ausbrüche und enormer Anstrengungen im Grunde doch zum Scheitern verdammt ist.

Inszenierung und Raum: Rüdiger Hentzschel
Kostüm: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer
Maske: Gerda Fischer

Es spielen:
Glenna Weber, Thomas Kamper, Florian Lebek, Regís Mainka, Dirk Warme

KRITIK

Die Aufführung eines Stückes von Thomas Bernhard hatte in der Wiener Scala bisher Seltenheitswert. Erst einmal war dort "Der Theatermacher" Bruscon zu Gast. Nun ist es Zirkusdirektor Caribaldi - und das nicht ohne Grund, denn die zwei Figuren könnten durchaus miteinander verwandt sein. Beide stellen hohe Anforderungen an die Kunst: Bruscon will ein ambitioniertes Riesenprojekt auf die Bühne bringen, während Caribaldi Schuberts "Forellenquintett" verfallen ist und jahrzehntelang darauf hinarbeitet, das Werk endlich fehlerfrei einzustudieren. Ihre Bemühungen sind zum Scheitern verurteilt. Dem Theatermacher stehen für seine ambitionierten Pläne bloß ein schmieriges Dorfgasthaus sowie eine unzureichende Truppe zur Verfügung, und der Zirkusdirektor hat mit Dompteur, Spaßmacher, Jongleur und Enkelin die denkbar ungeeignetsten Amateurmusiker an seiner Seite. Beide halten sich für dieses Versagen schadlos, indem sie die böse Kunst der Menschendressur ausüben: sie führen ein strenges Regiment, schikanieren ihre Untergebenen und schwadronieren drauflos, was das Zeug hält – mit Worten wie Peitschenhieben. Und dann gibt es auch noch als Zugabe in beiden Stücken ein junges Mädchen, das gerne in der Nase bohrt. Ein echter Bernhard eben!
Dieser Autor versteht es wie kein Zweiter, das Scheitern der Kunst in die Kunst des Scheiterns umzusetzen. Das ist auch mit viel Komik verbunden, und Scala-Regisseur Rüdiger Hentzschel gelingt es ausgezeichnet, dem Werk ein Maximum an witzigen Effekten abzugewinnen. Er steigert den Wahnwitz auf der Bühne immer mehr und ist ein großartiger Dirigent dieser Theaterpartitur. Den echten Instrumenten werden zwar nur ein paar Bogenstriche entlockt, ansonsten bleiben sie stumm, doch das macht gar nichts. Bei einem Bernhard-Stück kommt es schließlich nur darauf an, dass mit Worten musiziert wird.
Als neues Ensemblemitglied beim ‚Theater zum Fürchten‘ gibt Thomas Kamper in der Titelrolle gleich einen bewundernswürdigen Einstand. Er beherrscht die hohe Kunst des Phrasierens, die hier erforderlich ist, perfekt. Mit immer neuen Wiederholungen, Variationen und Steigerungen wird er den prägenden Stilelementen des Textes gerecht, trägt aber auch durch Mimik und Gestik viel zur Wirkung bei; etwa wenn eine Rheuma-Attacke Caribaldi mehrmals matt zu setzen droht und durch Hebewirkung kuriert werden muss.
Dirk Warme hält als Jongleur seinen großen Monolog gleich zu Beginn, hat jedoch auch die restliche Zeit über mit wenigen Worten viel zu leisten. Vor allem im letzten Drittel wird er zu Caribaldis wichtigstem Stichwortgeber. (Wobei diese Einwürfe des Jongleurs für mich bei der Lektüre eher so klingen, als würde er sich über Caribaldi lustig machen und versuchen, ihn aufzustacheln. Regisseur Hentzschel hat das offenbar anders empfunden und lässt Warme bloß eilfertig und hilfsbereit reagieren.)
Glenna Weber, die Darstellerin der seiltanzenden Enkelin, hat zwar fast nur eine stumme Rolle, doch umso wichtiger ist ihr körperlicher Einsatz. Wie man an ihren graziösen Bewegungen erkennt, bringt sie eindeutig Balletterfahrung mit. Ähnlich geht es Florian Lebek als Spaßmacher: er kann sein pantomimisches Talent voll entfalten und treibt bestimmt nicht nur Caribaldi mit der ewig vom Kopf fallenden Mütze zur tragikomischen Verzweiflung. Als vollends im dritten Akt die scheiternde Probe in einer Kakophonie zu enden droht, wird der betrunkene Auftritt des Dompteurs (Régis Mainka) zu einem absoluten Höhepunkt.
Der Schauplatz ist laut Bernhard Caribaldis Wohnwagen. Hier wurde das alles äußerst großzügig dimensioniert: die Bühne besteht aus einer riesigen hölzernen Bodenfläche und bietet dem traurigen Quintett viel Platz. Außerdem hängen von der Decke unzählige Fische an Schnüren herab (ob es sich tatsächlich um lauter Forellen handelt, konnte ich nicht überprüfen, doch Rüdiger Hentzschel, von dem auch die Raumlösung stammt, wird schon darauf geachtet haben). Die Kleidung spielt natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle - sei es das Flitterkostüm des Jongleurs, ein wildes Dompteur-Dress oder die prächtige rote Samtjacke des Direktors -, denn um zirkusgerecht aufzutreten müssen sich die Figuren mehrmals umziehen. Hier hat Kostümbildnerin Alexandra Fitzinger wieder einmal großartige Arbeit geleistet.
Wer die heutige Aufführung in Wien nicht sehen konnte, hatte allerdings wirklich Pech, denn morgen gastiert Carialdis Truppe bereits in Augsburg - wenigstens versichern uns das die Figuren während der Vorstellung mindestens hundert Mal (aber womöglich sollte man das nicht allzu ernst nehmen, denn Thomas Bernhard war nicht umsonst ein virtuoser Übertreibungskünstler).
Im Idealfall hat sich nun die Macht der Gewohnheit in der Wiener Scala endgültig durchgesetzt, und wir dürfen künftig auf weitere Bernhard-Stücke beim ‚Theater zum Fürchten‘ hoffen.

franco schedl


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