Theater

Die Gebärmutter


„Die Gebärmutter“ war Siegerstück beim Theaterfestival [email protected] des Teatr Stary in Krakau 2006, wurde im gleichen Jahr als Lesung beim „Heidelberger Stückemarkt“ präsentiert – und ist nun endlich auch bei uns auf der Bühne zu erleben!

Polen, Ende der Achtziger, Anfang der neunziger Jahre, kurz vor oder nach dem Fall des Kommunismus. Ein Land auf dem Weg, sich selber neu zu erfinden, in einem Europa, das bis vor kurzem noch das „Fremde“ war. In dieser Zeit des Umbruchs erwartet Wiktoria ihr erstes Kind. Sie ist eine junge Frau wie viele andere. Sie möchte Lehrerin werden, sie weiß nicht genau, wer der Vater ihres ungeborenen Kindes ist, und sie weiß auch nicht genau, ob sie überhaupt schwanger sein will. Vor allem möchte sie auf keinen Fall so werden wie ihre eigenen Eltern.

Wiktorias Großmutter hat unter den Nazis gelitten, Wiktorias Mutter unter den Kommunisten. Wiktoria selber lebt nun auf einmal in einer scheinbar freien Welt, und sie will alles anders machen - frei sein und unabhängig, ihr eigenes Leben leben, vielleicht überhaupt auf Männer pfeifen, sich auf jeden Fall nicht als „Frau“ und „Mutter“ in traditionelle Rollenmuster einzwängen lassen.

Aber die Nabelschnur ist der rote Faden, der Generationen von Müttern über ihre Gebärmuttern miteinander verbindet. Kann Wiktoria es schaffen, sich wirklich loszulösen?
Und Freiheit, das kann auch Orientierungslosigkeit bedeuten. Wiktorias Sohn wird sich, in unserer Gegenwart, auf die Suche nach seinen Wurzeln begeben – und wird in der Hinwendung zum rechten Lager, zum Nationalismus fündig werden.

Die junge Autorin Maria Wojtyszko (geboren 1982) zieht in ihrem Stück „Die Gebärmutter“ alle Register. Die ganze Handlung wird subjektiv aus der Sicht der Hauptfigur geschildert – realistische Szenen (mit den Eltern, im Schulalltag) wechseln sich ab mit Visionen und (Alp-) Träumen, Erinnerungsfetzen (eigene und die ihrer Mutter) überlagern die Gegenwart, Verstorbene und Ungeborene tauchen auf, sogar Wiktorias eigene Gebärmutter kommt auf einen Tee vorbei.

Oft verschiebt sich die Wirklichkeit nur unmerklich, verzerrt Vertrautes ins Monströse oder ins Karikaturhafte. In seiner brüchigen Erzählweise spiegelt das Stück genau die inneren Zustände in Wiktorias Seele wieder. „Die Gebärmutter“, das ist ein Stück über die Entwicklung einer jungen Frau während ihrer Schwangerschaft, und gleichzeitig auch ein Kaleidoskop der Geschichte und Gegenwart des Landes, in dem diese Frau auf der Suche nach ihrer Identität und ihrer Zukunft ist.
Wojtyszko hat hier ein freches, wildes, direktes, aufmüpfiges, manchmal brutales, manchmal saukomisches Stück abgeliefert, und dabei das Kunststück fertiggebracht, dass die „Gebärmutter“ einerseits deutlich in der reichen Theatertradition des polnischen Surrealismus verankert ist, und zugleich völlig modern, komplett heutig daherkommt.

Von Maria Wojtyszko

Deutsch von Wojtek Klemm

Es spielen: Samantha Steppan, Christine Renhardt, Anna Nowak, Nika Brettschneider,
Ludvik Kavin, Daniel Tanzberger
Regie: Christoph Prückner
Licht und Ton: Andreas Zemann


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