Theater

Der Unbestechliche


Hugo von Hofmannsthals Meisterwerk, modern interpretiert, ist nicht nur zeitlose Charakterkomödie, sondern liefert auch ein unerwartet feines Geflecht psychologischer Beziehungen einer fragilen Gruppe von Menschen, die unter dem Mantel von Höflichkeit und Wohlstand existentielle Probleme austragen.

Diener Theodor eröffnet seiner Chefin, der Baronin, dass er gezwungen ist, nach all den Jahren im Haushalt der noblen Familie zu kündigen: Nicht nur, dass Jaromir, der hauptberufliche Sohn des reichen Hauses, keinen Respekt vor der Würde seines Bedienten zu haben scheint, lädt er jetzt auch noch seine beiden neuesten Affairen, die elegante Melanie und die blutjunge Marie zur Sommerfrische auf den Landsitz ein – obwohl doch seine Frau und seine Kinder unter demselben Dach weilen!

Die Baronin überredet Theodor zu bleiben, doch muss sie ihm zugestehen, die Angelegenheit des jungen Herren auf seine Weise „in Ordnung zu bringen“ und das geht er auch sofort an – ebenso rücksichtslos wie formvollendet höflich, ebenso hinterhältig wie zum letztlichen Wohl aller Beteiligten.

KRITIK:
Dieser Domestik ist der eigentliche Herr im Haus und dient bloß, um Macht auszuüben, weil alles nach seinem Kopf gehen muss. Zum Glück scheint Theodor dabei nur die besten Absichten mit der Familie der verwitweten Baronin zu haben: deshalb fädelt er eine geschickte Intrige ein, die es ihm ermöglicht, innerhalb weniger Stunden zwei unerwünschte weibliche Gäste wieder zum Abreisen zu bewegen. Es ist mit seinen Moralvorstellungen einfach nicht vereinbar, dass sich der verheiratete Jaromir seine zwei früheren Geliebten eingeladen hat, um mit ihnen vor den Augen seiner Frau und sämtlicher Hausbewohner verstohlen zu poussieren.
Peter M. Preisslers stilvolle Inszenierung von Hofmannsthals Lustspiel aus dem Jahr 1923 erweist sich in der Wiener Scala als die richtige Wahl zum Saisonschluss im Juni. Sam Madwar hat ein ätherisch-sommerliches Bühnenbild beigesteuert: ein schräg abfallender Rasengrund wird auf beiden Seiten von Gebäudeflächen begrenzt, die himmelblaue Wolkentapeten tragen, während im Hintergrund das herrschaftliche Anwesen durch einen Wolkenschleier erahnbar ist.
In der Hauptrolle beherrscht der hochaufgeschossene in strenges Schwarz gekleidete Georg Kusztrich stets die Szene: sei es durch eine nie versagende böhmakellose Diktion oder durch blitzende Augen und sardonisch-pfiffiges Lächeln – sobald er einen Auftritt hat, zieht er die Blicke unweigerlich an und genießt unsere volle Aufmerksamkeit.
Abgesehen von Kusztrich und der wie immer eindrucksvollen Christina Saginth - zwei Darsteller, die dem Scala-Ensemble praktisch seit der ersten Stunde angehören - , bekommen wir diesmal auch einige neue Gesichter zu sehen. Als kränkliche und verletzliche Marie Am Rain (eine fragile Figur, die von ihrer Konkurrentin einmal als „blasse Märtyrerin“ bezeichnet wird), gibt die sympathische Lilian Jane Gartner ihr Scala-Debut. Peter Windhofer verkörpert zutiefst glaubhaft Jaromir, den windigen Lebemann mit schriftstellerischen Ambitionen; der immer aufrechte, um nicht zu sagen stocksteife und mitunter etwas unbeholfen wirkende General - ein Hausfeund und unermüdlicher Verehrer der Baronin - erhält durch Christian Futterknecht ein scharf umrissenes Profil (während uns die Baronin selbst, in Gestalt von Sylvia Eisenberger, mit altösterreichischem Charme entgegentritt).
Es ist nur folgerichtig, dass Theodor durch seinen titelgebenden Spitznamen mit Robespierre in Verbindung gebracht wird (wenn auch bloß indirekt, da die betreffende Textstelle nur in den Entwürfen erhalten ist und nicht ins fertige Stück aufgenommen wurde). Durch seine Ränke werden zwar traditionelle Werte wie Sitte, Recht und Anstand bewahrt, aber es findet zugleich eine geradezu revolutionäre Umkehrung statt, die eines Figaros würdig wäre: das für die Herrschaft vorgesehene Stelldichein im Turmzimmer holt nun das Dienstpersonal nach (und die Kammerfrau trägt dabei noch dazu das geschenkte Kleid einer der abgereisten Damen). Mit diesem lebenslustigen Bild vor Augen geht man gerne in die theatralische Sommerpause.
franco schedl

Inszenierung: Peter M. Preissler


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