Theater

Der Revisor


Emotional und vielleicht auch geografisch liegt ein kleines Städtchen zwischen dem Sehnsuchtsort Moskau und dem Verbannungsort Sibirien: tiefste russische Provinz. Es gerät aus dem Gleichgewicht, weil sich ein Gerücht in Windeseile verselbständigt: Ein Revisor aus dem fernen Moskau kommt!
Schon ist er im Hotel abgestiegen, beschwert sich über die Qualität des Essens und weigert sich, die Rechnung zu bezahlen. Soviel Unmut ist gefährlich, steigt damit doch die Gefahr, dass der Beamte die Zustände nun besonders unerbittlich prüft. Schlendrian und Amtsmissbrauch drohen ans Licht zu kommen, von hygienisch fragwürdigen Zuständen im Krankenhaus, eigenwillig interpretierten Lehrplänen in der Schule bis zur Hundezucht im Gerichtssaal. Und wo die Honoratioren der Stadt vor dem langen Arm des Gesetzes zittern und den Moskauer Gast mit Gefälligkeiten und Geld zu bestechen versuchen, buhlen die erotisch ausgehungerten Mitbürgerinnen ihrerseits um die Gunst des vermeintlichen Mannes von Welt. Der Besucher, der natürlich keineswegs der gefürchtete Revisor ist, sondern bloß ein abgebrannter, aber blitzgescheiter kleiner Ganove, nutzt die Gunst der Stunde und verlässt die Stadt reich beschenkt.
Im Gewand der Komödie zeigt Gogol eine verfilzte, auf Hierarchien ausgerichtete Gesellschaft zwischen Unterwürfigkeit und Größenwahn, Bestechung und Korruption. 1836 porträtierte er die russische Provinzseele vor dem Hintergrund des zaristischen Riesenreiches, dessen komplizierte Verwaltung dem Amtsmissbrauch Tür und Tor öffnete, und variierte dabei eine beliebte Mechanik der Dramatik des 19. Jahrhunderts: Eine vielleicht nicht ideale, an sich aber stabile Gesellschaft wird durch einen Fremden in den Ausnahmezustand versetzt, der eine Dynamik entfacht, die das System zerstört und Dinge ans Tageslicht bringt, die zuvor sorgsam verborgen waren. Wie dünn die Grenze dabei zwischen Tragödie und Komödie ist, zeigt sich auch hier: Wenn Chaos und Konfusion ausbrechen, lässt das Glücksrad die einen fallen und die anderen – zumindest für einen Moment – steigen.

Komödie von Nikolaj Gogol

Bearbeitet von John von Düffel

Nach einer Rohübersetzung von Natascha Görde

BESETZUNG

REGIE
Stephan Rottkamp
BÜHNE
Kathrin Frosch
KOSTÜME
Julia Plickat
MUSIK
Bernhard Neumaier
DRAMATURGIE
Jan Stephan Schmieding
LICHT
Thomas Trummer
CHLESTAKOW
Raphael Muff
OSSIP, SEIN DIENER
Fredrik Jan Hofmann
DER STADTHAUPTMANN
Franz Solar
ANNA ANDREJEWNA, SEINE FRAU
Christiane Roßbach
MARJA ANTONOWNA, SEINE TOCHTER
Silvana Veit
DOBTSCHINSKI
Julia Gräfner
BOBTSCHINSKI
Benedikt Greiner
MUSIKER
Daniel Fuchsberger, Stefan Matl, Bernhard Neumaier


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