Theater

Der Preispokal


Die Wiener Scala zeigt „Der Preispokal“ von Sean O‘Casey.

Irland im ersten Weltkrieg: Fronturlauber Harry Heegan schießt das Meisterschaftstor für seinen Fußballclub und wird dementsprechend von seinen Kumpeln, Familie, Nachbarn und natürlich seiner schönen Freundin Jessie gefeiert. Es wird gesungen, gesoffen und schwadroniert, das ganze Arbeiterviertel steht Kopf- bis Harry mit seinen Jungs wieder fröhlich zurück in die Schützengräben nach Frankreich zieht. Ein paar Monate später sind sie wieder zurück- aber alles ist anders. Keiner von ihnen ist heil geblieben- körperlich oder seelisch. Aber das Leben geht für die Daheimgebliebenen weiter- es gibt neue Helden, neue Lieben, neue Aufgaben. Gibt es noch einen Platz für die Wiedergekehrten?

O´Caseys pazifistisches Stück löste in den 20er und 30er Jahren Kontroversen aus – die klassischen Elemente des Volksstücks vermischte er mit expressionistischen Stilmitteln zu einem teils humorvollen, teils verstörenden, immer zu tiefst menschlichen Drama.

KRITK
Die Iren haben gut feiern, vor allem, wenn es um Sportliches geht. Seán O’Caseys Stück beginnt daher höchst turbulent, aber zugleich auch mit bedrohlichen Vorzeichen. 1917 hat der junge Harry Heegan (Jakob Oberschlick meistert in seinem Scala-Debüt unter der Regie von Bruno Max gleich eine anspruchsvolle Hautprolle) dafür gesorgt, dass sein Fußballteam erneut zu den Gewinnern zählt. Entsprechend ausgelassen ist der Siegesjubel unter Freunden und Verwandten, doch ihnen bleibt nur kurze Zeit, da sie das Spielfeld gegen das Schlachtfeld vertauschen müssen. Ein Jahr später hat sich alles verändert und die meisten von ihnen könnten kein Tor mehr schießen oder überhaupt noch Fußball spielen, denn kaum einer hat den Krieg unbeschadet überstanden. Harry selbst ist im Rollstuhl gelandet und erlebt, wie sich alle von ihm abwenden: seine ehemalige Freundin (Scala-Neuzugang Jasmin Reif, deren Musical-Ausbildung ihr bei den singfreudigen Iren zugute kommt) will nichts mehr von ihm wissen, der Arzt (gekonnt unverbindlich Leopold Selinger) hält ihn mit leeren Versprechungen hin und seiner Mutter ist in erster Linie die Invalidenrente wichtig.
O’Casey zeigt den beschämenden Umgang der Gesellschaft mit Kriegsversehrten und vertritt eine zutiefst pazifistische sowie antiklerikale Weltsicht. Das hat bei seinen Zeitgenossen Widerstand hervorgerufen: durch die ablehnende Haltung seines älteren Kollegen W.B. Yeats konnte das Werk in Dublin nicht uraufgeführt werden, sondern die Premiere musste in London stattfinden. Im Programmheft wird diese künstlerische Kontroverse nachvollziehbar: aus dem Briefwechsel der beiden Autoren sind kurze Passagen in Form von Stimme und Gegenstimme abgedruckt. Fairerweise muss man zugeben, dass Yeats Einwände nicht ganz von der Hand zu weisen sind, denn das Stück bietet einen sehr disparaten Eindruck, was sich bis in die Sprache auswirkt. Manche Passagen könnten in ihrer durchtriebenen Hartherzigkeit und subtilen Bosheit direkt von Horváth stammen, während deklamatorisches Verkündigungspathos eher an Brecht denken lässt. Noch seltsamer mutet es aber an, wenn ein brutaler Trunken- und Raufbold nach seiner bleibenden Verwundung plötzlich hochlyrische Sätze von sich gibt, und auch die Hauptfigur Harry tut es ihm nach. Die verschiedenen Stilebenen können also miteinander nicht wirklich in Verbindung treten.
Andere Szenen wirken hingegen wie Fremdkörper: die beiden älteren komischen Figuren Sylvester und Simon geraten über viele Minuten hinweg in Konflikt mit der ‚modernen‘ Technik und umschleichen ängstlich ein klingelndes Telefon, bis einer von ihnen halbherzig versucht, das Teufelsgerät zu bedienen. Natürlich holen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als eingespieltes Duo aus diesem Auftritt ein Maximum an Wirkung heraus, zur eigentlichen Handlung trägt er jedoch nichts bei, sondern bleibt ein witziges Intermezzo. Aber vielleicht ist dieses „Der Preispokal“ betitelte Stück-Werk ja auch nur der künstlerische Ausdruck dafür, dass der Krieg alles auseinanderreißt, auf den Kopf stellt und für gravierende Veränderungen sorgt und es wäre verfehlt, hier nach einer durchgehenden Stimmigkeit zu suchen.
Die Männerrollen verlangen den Darstellern große Wandlungsfähigkeit ab, doch auch die Frauen sind nicht zu unterschätzen. Besonders eindrucksvoll beweist das Carina Thesak. Ganz zu Beginn erscheint sie als echtes waffenputzendes Flintenweib, gibt sich gleich darauf als unsympathische Frömmlerin zu erkennen und treibt mit ihren religiösen Tiraden ihre Umwelt zur Verzweiflung; später wird klar, dass sie sich Gott bloß aus Ermangelung eines Mannes an den Hals geworfen hat: nachdem sie als Krankenschwester so herrisch wie ein Feldwebel aufgetreten ist, findet sie ihr Glück neben einem Chefarzt und will von der Bibel nichts mehr wissen. Teresa Renner hingegen kann als misshandelte Nachbarsfrau ihre harte Seite hervorkehren, wenn sie am blind aus dem Feld zurückgekehrten Mann (besonders eindrucksvoll Régis Mainka) Rache nimmt.
Sehr geglückt ist die von Sam Medwar stammende Raumlösung: Das Wohnzimmer der Familie Heegan wurde mit alten Propagandaplakaten austapeziert, auf denen die Iren zum freiwilligen Eintritt in die Armee bewogen werden sollen („Ich werde auch gehen“, „1 Ire nimmt es mit 10 Deutschen auf“ usw.); das Krankenzimmer bietet entsprechendes Plakatmaterial für Frauen, die zu ihrem Kriegsbeitrag als Pflegerinnen aufgerufen werden. Auch bewegte Bilder bekommen wir geboten, denn ein dünner Vorhang wird fallweise zur Projektionsfläche. Hier erweist sich der kurze zweite Akt als Höhepunkt des Abends: wie sich die Sportler in Soldaten verwandeln und auf dem Schlachtfeld verwundet werden, kann durch Bruno Max dank einer Mischung aus Video, Tönen und Schauspiel in einer Szene von unvergesslicher Prägnanz veranschaulicht werden.

franco schedl

Inszenierung: Bruno Max
Bühne: Sam Madwar
Kostüm: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer

Es spielen:
Angelika Auer, Jasmin Reif, Teresa Renner, Ivana Stojkovic, Carina Thesak, Bernie Feit, Valentin Franstits, Hermann J. Kogler, Regís Mainka, Jakob Oberschlick, Leopold Selinger


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