Theater

Der jüngste Tag


„Der jüngste Tag“
Von Ödön von Horváth

Der Bahnhofsvorstand Hudetz führt seit vielen Jahren in einem kleinen Ort ein genau geregeltes, bürgerliches Leben. Pflichtbewusst. Dienst nach Vorschrift. Abfertigen. Signalstellen. Naja, die Ehe mit seiner älteren Frau läuft mäßig. Dennoch: Alles hat irgendwie seine Ordnung. Aber eines Tages küsst ihn im Dienst die Wirtstochter Anna – und er übersieht ein Signal, es kommt zu einem Zugunglück mit 18 Toten.

Vor Gericht beteuert Anna Hudetzs Unschuld und leistet sogar Meineid. Und obwohl es seine Frau, die den Kuss und seine Folgen beobachtet hat, besser weiß, kommt es zum Freispruch. Aber keiner der Beteiligten kann mit der ungesühnten Schuld so einfach zum Alltag zurückkehren, die Katastrophe zieht immer weitere Kreise, und sogar die Toten melden sich zu Wort…

Meisterhaft wie in allen seinen Stücken beobachtet Horváth die kleinbürgerliche Welt und ihre dunkle Seite. Im Nichtgesagten, in den Banalitäten, in den verräterischen Pausen im Dialog schieben sich die Abgründe und die inneren Nöte der Figuren in den spießigen Alltag.
Inszenierung: Peter M. Preissler
Darsteller: Angelika Auer, RRemi Brandner, Valentin Frantsits, Tom Jost, Christian Kainradl, Georg Kusztrich, Matthias Messner, Susanne Preissl, Anna Sagaischek, Christina Saginth, Leopold Selinger, Jörg Stelling

KRITIK
Einmal nicht aufgepasst – und schon ist die Katastrophe geschehen. Darüber könnte der Stationsvorstand Hudetz eine sehr traurige Geschichte erzählen. Das muss er aber gar nicht, denn Ödön von Horváth hat ihm die Mühe abgenommen und ein Theaterstück daraus gemacht, in dem eine schicksalhafte Verkettung vielen Menschen das Leben kostet. Weil ein kokettes junges Ding dem Bahnwärter Hudetz einen Kuss aufdrückt, vergisst der Mann, ein Signal zu stellen, und obwohl er das kurz darauf nachholt, ist es bereits zu spät: zwei Züge krachen ineinander.
Ein klarer Sachverhalt von menschlichem Versagen? Doch so einfach liegen die Dinge bei Horváth nicht. Die Frage, wer denn nun eigentlich die Hauptschuld auf sich geladen hat, lässt sich nicht ohne weiteres entscheiden, denn es wird bald klar, dass alle Beteiligten auf irgendeine Weise zu der Tragödie beigetragen haben, auch wenn es dann keiner zugeben will, jeder sich herauszureden versucht, die Dinge schönt und auch vor Meineid nicht zurückschreckt.
Der Verfasser geht sogar so weit, die Geschichte ins Mythologisch-Biblische zu überhöhen und den ursprünglichsten Sündenfall heranzuziehen: dadurch gewinnt das Stück aus dem Provinznest die denkbar größten Dimensionen und erstreckt sich von Adam und Eva bis zu den Posaunen des Jüngsten Gerichts (die wir dank einer Blasmusikgruppe auch zu hören bekommen).
Christian Kainradl wird als unglücklicher Thomas Hudetz zum Getriebenen und Verdrängungskünstler. Er scheint alles mit unerschütterlicher Seelenruhe ins sich aufzunehmen, doch schließlich bricht sich die Verzweiflung mit unerbittlicher Konsequenz Bahn. Die zarte Anna, durch deren Kuss das Drama seinen Ausgang nimmt, wird von Susanne Preissl mit hinreißender Überzeugungskraft verkörpert, was bei einer Figur voll unschuldiger Durchtriebenheit, kraftvoller Zartheit und verletzlicher Härte keine leichte Aufgabe ist. Christina Saginth verleiht einer anderen gequälten Seele höchst ambivalent Ausdruck und hat als unglückliche Frau des Stationsvorstandes eine schwere Last zu tragen: sie wird aus Verzweiflung und Eifersucht zänkisch, wodurch sie den ganzen Ort gegen sich aufbringt und obwohl sie als Einzige die Wahrheit sagt, will ihr niemand glauben. Dadurch erweckt sie zunächst unser Mitgefühl, doch als sie dann rehabilitiert erscheint, verspielt sie durch hartherziges Auftreten die gewonnene Sympathie wieder. Abgesehen von diesen Personen gibt es als Nebenfiguren auch noch ein Tratschweib (Angelika Auer erreicht mit geläufiger Zunge die Bestform), Wendehälse, dämonische Gemütsmenschen und einen Kraftlackel von Fleischhauer (Valentin Frantsits), wie man ihn sich von Horváth nicht anders erwarten würde. Und ganz zuletzt bekommen wir im Bühnenhintergrund sogar noch drei Tote auf Stelzbeinen in unheimliches Licht getaucht zu sehen.
Peter M. Preissler ist auf kleinstem Raum eine große Leistung gelungen. Unter seiner präzisen Regie lässt ein zwölfköpfiges Ensemble (wobei die fünf Mitglieder der Blasmusikkapelle noch gar nicht mitgerechnet sind) die jüngste Premierennacht in der Wiener Scala zu einem echten Ereignis werden. Besondere Erwähnung verdient zudem das beeindruckende Bühnenbild von Julia Krawczynski: mit seiner erstaunlichen Vielseitigkeit ermöglicht es uns in Sekundenschnelle den Wechsel vom Bahnsteig ins Wirtshaus „Zum wilden Mann“, unter die Bahntrasse, in eine Drogerie oder mitten auf die Geleise, die sich in Form einer Leuchtspur direkt auf uns zu bewegen. Zu Beginn fahren die Züge jedoch eigentlich quer durch Publikum, das theoretisch vorm Bahnwärterhäuschen auf den Schienen sitzt. Dennoch fühlt sich nach diesem Theaterabend von den Zuschauern garantiert niemand gerädert, sondern eher wie auf eine wilde Fahrt im Hochgeschwindigkeitszug mitgenommen. Was hätte sich Horváth, der noch aus einer Dampflokzeit stammte, besseres wünschen können?
franco schedl


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