Theater

Der gute Mensch von Sezuan


Der Klassiker von Bertolt Brecht, inszeniert von Bruno Max. Musik von Paul Dessau.

Shen Te ist zwar nur eine arme Prostituierte, hat aber ein großes Herz für ihre Mitmenschen. Und weil sie so ein guter Mensch ist, belohnen sie die Götter mit Geld und einem kleinen Tabakladen. Mit diesen neuen Mitteln versucht sie nun, allen in Not zu Hilfe zu kommen, doch sind es einfach so viele, die Unterstützung benötigen und von manchen wird sie auch schamlos ausgenutzt. Was tun, damit das volle Boot nicht untergeht? In ihrer Verzweiflung erfindet sie einen bösen Vetter Shui Ta, der prompt auch leibhaftig vorbeikommt und rücksichtslos ihre persönlichen Interessen verteidigt. Doch diese Gratwanderung zwischen Gutmenschsein und Realpolitik führt Shen Te in eine große Krise.

In Zeiten zwischen Willkommenskultur und Abschottung, zwischen Hilfsbereitschaft und Fremdenhysterie ist dieses klassische Stück, wohl eines der besten und bekanntesten von Brecht, brandaktuell wie nie.

KRITIK
Verfremdungseffekt schön und gut – wenn bei Brecht nur nicht so oft der Belehrungseffekt die Oberhand gewinnen würde. Diesmal fehlt der erhobene Zeigefinger aber; stattdessen werden Zigarren und Zigaretten gezückt. Zum Glück bleibt uns das allgemeine Rauchverbot nun doch erspart, sonst hätte Bruno Max dieses Stück in seiner Wiener Scala womöglich gar nicht aufführen dürfen, weil in einem Tabakladen als Handlungsort eben viel herumgepafft wird (und das ‚Lied vom Rauch‘ liefert auch eine poetische Erklärung dafür).
Die Parabel in fernöstlicher Verkleidung zeigt uns gleich zu Beginn nicht nur arme Menschen, sondern drei leibhaftige Götter: in ihrer weißen Glitzerkleidung steigen sie wie Flugreisende der Luxusklasse über eine Gangway vom Himmel herab und machen sich – nachdem sie ein Selfie geschossen haben – auf die Suche nach guten Erdenbewohnern. Bloß die Prostituierte Shen Te erfüllt in den Augen der Oberen diese Kriterien und erhält dafür von ihnen ein Startkapital, mit dessen Hilfe sie sich eine Existenz gründen möchte. Ein kleiner Tabakladen in einer schlechten Gegend ist schnell erworben, doch damit beginnen die Probleme erst, denn die Frau ist viel zu gutmütig und lässt sich von Schmarotzern und Dieben heillos ausnützen, aber auch Handwerker und Hauswirtinnen machen ihr das Leben schwer. Zu deren Beschwichtigung wird ein fiktiver Vetter erfunden, der wenig später gänzlich unverhofft sehr real in Erscheinung tritt. Mit ihm hält ein anderer, hartherziger Ton Einzug, und die Götter wären mit seinen Handlungen gar nicht einverstanden - aber die Himmelswesen erweisen sich ohnehin als weltfremde Prinzipienreiter und haben keine Ahnung vom harten Menschenleben, bei dem Güte offenbar ein leicht verderblicher Luxusartikel ist.
Fast alle Mitwirkende übernehmen Mehrfachrollen, was sich aus dem Bedürfnis erklärt, die Besetzungsliste nicht zu überlasten. Aber einzig für die Hauptdarstellerin ist der mehrfache Kostümwechsel tatsächlich zwingend vorgeschrieben, und Johanna Elisabeth Rehm erfüllt diese Aufgabe perfekt – immerhin muss sie mit der Kleidung zugleich das Geschlecht und den Charakter radikal wechseln.
Régis Mainka stellt als arbeitsloser Pilot auch die Liebe in den Dienst seines persönlichen Fortkommens; Hermann J. Kogler verkörpert als Barbier einen hinterfotzigen Gutmenschen, der in seinem Viertel wie ein Mafiapate auftritt, und Bernie Feit hat als geschundener Wasserträger unsere Sympathie voll auf seiner Seite.
Durch Metallfässer umstellt und von Rohrleitungen durchzogen, wirkt der Schauplatz diesmal wie eine Fabrikshalle; und eine Sprinkleranlage sorgt auch öfter dafür, dass die Figuren nicht bloß metaphorisch im Regen stehen. Abgesehen von Göttern und Wasser kommt noch etwas Drittes von oben auf uns hernieder, denn für die Musik zu den zahlreichen Songs sorgt ein zweiköpfiges Orchester, das über der Bühne thront.
Soll man also gutmütig sein und sich ausnützen lassen oder hart durchgreifen und selber zum Ausbeuter werden? Brecht regt unser Mitdenken an und hat für diesen Konflikt keine billigen Lösungen parat, sondern präsentiert ein Ende, bei dem „der Vorhang zu und alle Fragen offen“ bleiben. Zumindest eine Frage wäre dadurch jedoch beantwortet: wo man derzeit gutes episches Theater findet, falls man nicht unter Rauchphobie leidet.
franco schedl


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