Theater

Das Maß der Dinge


Adam, ein unauffälliger Anglistikstudent, der sich nur in der Anonymität sicher fühlt, jobbt als Aufseher im Museum. Dort trifft er die selbstbewusste Kunststudenten Evelyn, die sich soeben daran macht, einen Penis auf eine antike Plastik zu sprühen, um gegen Kunstzensur zu protestieren. Eine Liebesgeschichte entspinnt sich.

Evelyn beginnt, den unscheinbaren, linkischen Nerd in einen begehrenswerten, coolen Loverboy zu verwandeln, während sie sich auf ihr künstlerisches Studienabschlussprojekt vorbereitet. Erste Misstöne kommen auf, als Adam Evelyn mit seinem besten Freund Philipp und dessen zukünftiger Ehefrau Jenny zusammenbringt. Man streitet sich über Kunst, aber es geht auch um den Einfluss auf und die Veränderung von Adam. Und dieser war einmal in Jenny verliebt, doch hatte er als Nerd nie den Mut, es ihr zu zeigen. Jetzt, wo es zwischen Jenny und Philipp gerade gewaltig kriselt, macht sie einen ersten Schritt auf den "neuen Adam" zu. Es wird gelogen, geblufft, misstraut und betrogen, doch am Ende nimmt die Geschichte eine ganz andere und völlig unerwartete Wendung...

KRITIK

Die Liebe macht andere Menschen aus uns. Diesen Satz werden vermutlich viele als reine Floskel abtun, doch am Eröffnungsabend der neuen Saison im Wiener Scala Theater bekamen wir durch Regisseur Rüdiger Hentzschel vorgeführt, dass er doch seine Richtigkeit hat. In Neil LaButes intelligenter „Pygmalion“-Variante aus dem Jahr 2001 (Originaltitel: „The Shape of Things“) steht die Liebe ganz im Zeichen der Kunst – und das ist nur allzu wörtlich gemeint (doch wer hier noch mehr verrät, wäre ein richtiger Theaterspiel-Verderber).

Im Museum treffen sie erstmals aufeinander: Adam, ein pummeliger, kurzsichtiger Museumswärter - und Evelyn, eine selbstbewusste Kunststudentin, die gerade dabei ist, mittels Spraydose eine Protestaktion gegen die Zensur klassischer Statuen zu starten. Da es zwischen beiden funkt, nimmt die Frau den linkischen unerfahrenen Jungen fortan unter ihre Fittiche und krempelt ihn komplett um. Dabei geht sie auf eine Weise vor, die man - je nach Sichtweise - freundlicher oder kritischer benennen kann: zarte Überredungskunst, subtile Beeinflussung oder gezielte Manipulation. Das Ergebnis ist jedenfalls effektiv.

Johanna Withalm macht ihre Sache ausgezeichnet: sie entwickelt einerseits solche mitreißende Energie, dass sie die Sympathie oft auf ihrer Seite hat, doch im nächsten Moment möchte man ihr kräftig die Meinung sagen, weil sie so rechthaberisch auftritt, ohne Widerspruch zu dulden – und schließlich könnte man sie beinahe hassen. Hendrik Winkler durchlebt gekonnt eine große Wandlung: seinen ausgestopften Bauch braucht er aber nur in der ersten Szene mit sich herumzutragen, da er binnen weniger Spielminuten deutlich erschlankt und fit geworden auftritt; zuletzt beweist er noch eine erstaunliche Zurückhaltung und Selbstdisziplin. Florian Graf muss als Adams bester Freund einiges einstecken, während Selina Stöbele diesmal ein einfacher gestricktes Mädchen spielt, das aber ihr Herz auf dem rechten Fleck hat und der weiblichen Konkurrentin zumindest menschlich weit überlegen ist.

Zunächst scheint dieses Stück ziemlich geradlinig aufgebaut zu sein, doch dann schlägt es eine unerwartete Richtung ein und hat in den letzten Minuten noch einen wirklichen Überraschungseffekt zu bieten. LaBute interessieren nicht nur die Mechanismen einer besitzergreifenden Liebe, sondern er wirft die Fragen auf, was Kunst bewirken kann und welcher Mittel sie sich dazu bedienen darf. Sehr künstlerisch sind auch die Visuals von Niklas Springer geraten: auf die Bühnenrückwand projiziert, dienen sie dazu, die Handlung voranzutreiben oder abzukürzen. Sie sind aber natürlich nicht der einzige Grund, dass dieser Theaterabend so kurzweilig ist.
franco schedl

von Neil LaBute
Inszenierung: Rüdiger Hentzschel
Es spielen: Selina Ströbele, Johanna Withalm, Florian Graf und Hendrik Winkler


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