Theater

Das Mädl aus der Vorstadt


„Das Mädl aus der Vorstadt oder Ehrlich währt am Längsten“, uraufgeführt am 24. November 1841 im Theater an der Wien, war einer der größten Publikumserfolge Nestroys und brachte es bis 1862 auf 81 Aufführungen. In der Wiener Theaterzeitung von Adolf Bäuerle, Nestroy stets gut gesinnt, vom 26. November 1841 stand: „Die Aufnahme dieser Novität war von Seite des Publikums enthusiastisch. Herr Nestroy hatte die Freude, von den unzähligen Bonmots, Wortspielen, Witzraketen, satirischen Leuchtkugeln auch nicht ein Körnchen auf unfruchtbaren Boden gesät zu haben.“

Amouröse und kriminalistische Verwicklungen um ein Vorstadtmädl werden vom Winkelagenten Schnoferl mit gnadenloser Beharrlichkeit aufgedeckt, entwirrt und schließlich zu einem versöhnlichen Ende geführt.

Das immer wieder durch teils unglaubliche Zufälle weitergeführte Spiel ironisierte der Dichter selber, wenn er Schnoferl sagen lässt:

„Der Zufall muss ein b'soffener Kutscher sein – wie der die Leut' z'sammführt, 's is stark!“ (II. Akt, 15. Szene)

Nestroys Vorbild war die Comèdie-Vaudeville La Jolie Fille du Faubourg (Das schöne Mädchen aus der Vorstadt) von Charles Varin und Paul de Kock (nach dem gleichnamigen Roman dieses Autors), die am 13. Juli 1840 am Théâtre du Vaudeville von Paris uraufgeführt wurde. Obwohl Nestroy im Herbst 1841 schwer erkrankt war und erst im Oktober wieder die Wohnung verlassen durfte, arbeitete er eifrig an dem neuen Stück. Es gleicht dem Ablauf des Vaudevilles zwar in der Handlung, wurde von Nestroy jedoch der bodenständigen Form der Wiener Posse angepasst. Aus Pariser Grisetten wurden Näherinnen in einer jener Wiener Vorstadtnähstuben leicht anrüchigen Rufs, in denen Herren der Gesellschaft diskrete Abenteuer suchten. "Die Kupplerinnen gründeten Näh- und Strickschulen oder erwarben sich die Befugniß mit Frauenputz Handel zu treiben, um junge, kaum den Kinderschuhen entwachsene Mädchen oder junge, unerfahrene Gattinnen in die Klauen schnöder Wollüstlinge zu treiben.“ Josef Schrank: Die Prostitution in Wien in historischer, administrativer und hygienischer Beziehung, 1. Band: Die Geschichte der Prostitution in Wien, im Selbstverlag, Wien 1886, S. 251. Nicht dass Nestroy den zweiten Akt expliziet in einem derartigen Etablissement spielen lässt, aber dass - neben einigen textlichen Anspielungen - in der Nähstube eine Madame Storch das Sagen hat, hat dem wissendem Publikum seiner Zeit wohl ein Schmunzeln entlockt. Und dass der Hemdenmacher Knöpfl im ersten Manuskript des Stückes gar nicht vorhanden war und erst nachträglich als "Chef" der Werkstätte eingefügt und die Madame Storch als seine Schwester tituliert wurde, läßt auf eine "Entschärfung" (Zensur?) schließen.


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