Theater

Das Leben der Boheme


Das Leben ist hart, aber lustig: Der nicht eben erfolgreiche Schriftsteller Marcel wird zu allem Unglück wegen Mietrückständen aus seiner Bruchbude geworfen. In dieser Zeit lernt er den erfolglosen albanischen Maler Rodolfo, und kurz darauf den Komponisten Schaunard, seinen Nachmieter, kennen.

Die drei Künstler werden Freunde und schlagen sich mehr schlecht als recht durch das Pariser Leben. Sollte doch einmal etwas Geld vorhanden sein, wird es gemeinsam auf den Kopf gehaut. Doch es scheinen bessere Zeiten zu kommen. Rodolfo verliebt sich in Mimi, eine ebenfalls nicht gerade vom Glück begünstigte Frau vom Land, deren einzige Freundin im Gefängnis gelandet ist. Und Mimi´s Husten klingt auch nicht sehr gut…

Der Finne Aki Kaurismäki ist ein später, versponnener Bruder von Bertolt Brecht. Stets geht es in seinen Drehbüchern und Geschichten ums Fressen und um die Moral und um den Preis für ein halbwegs menschenwürdiges Existieren. Er erzählt von Pechmaries und Untergehern, von Getriebenen und Besoffenen, über die Macht des Geldes und den Zauber des Künstlerdaseins. Diesmal strickt er aus der Romanvorlage zu Puccinis „Boheme“ eine seiner liebevollen Katastrophen, “ von denen man“,wie der Regisseur Dimiter Gotscheff einmal sagte, „das Alphabet des Lebens lernen kann: das Essen, die Sehnsucht, die Liebe.“

Inszenierung: Ellen Schmitty
MIT: Markus Hamele, Dirk Warme, Philipp Stix, Ronny Hein, Selina Ströbele, Claudia Waldherr

KRITIK
Diese liebenswerten Schlawiner und ausgefuchsten Lebenskünstler sind kleine Leute mit großen kreativen Ambitionen und ständig auf der Jagd nach Geld - doch wenn sie ausnahmsweise welches in die Hände bekommen, zerrinnt es ihnen sofort zwischen den Fingern. Daran haben auch rund 150 Jahre nichts geändert, die zwischen Murgers Roman „Scènes da la vie de bohéme“ (1851) und Aki Kaurismäkis zeitgemäßer Film-Adaptation „Boheemielämää“ von 1992 liegen.
Für die Bühnenfassung an der Wiener Scala haben die drei männlichen Hauptdarsteller Philipp Stix, Dirk Warme und Markus Hamele ihre besten finnischen Gesichter aufgesetzt, um Kaurismäkis Franzosen (plus einen Albaner) spielen zu können. Ausgangspunkt ihres tragikomischen und herb-romantischen Treibens ist ein Elendsquartier in Form eines Containers, wie man ihn auch ohne weiteres im Hafen von Le Havre finden könnte. Allerdings ist das hohle Geviert eine ganz spezielle Absteige, die bühnengerecht umgewandelt wurde: eine fehlende Längsseite lässt eine Art Guckkastenbühne entstehen, deren Dach obendrein (oder -drauf) eine weitere Spielfläche bietet; außerdem ist das originelle Eigenheim auch noch mit Rädern ausgestattet und rotiert wie eine bescheidene Drehbühne regelmäßig dank menschlicher Hilfe, was rasche Szenenwechsel ermöglicht. Bühnengestalter Marcus Ganser ist eben ein echter Profi und versteht etwas von geschickten Raumlösungen.
Bei einem originalen Kaurismäki darf natürlich die Musik nicht fehlen und die ist bei dem Allrounder Ronny Hein in guten Händen: er wechselt blitzschnell zwischen E-Gitarre und Keyboard, dem er alle möglichen und unmöglichen Töne entlockt; zwischendurch findet er noch Zeit, in diverse kleine Rollen (vom Vermieter bis zum Fahrscheinkontrolleur) zu schlüpfen – nicht zu vergessen, dass er sich zusätzlich auch als Erzähler und Sänger betätigt. Ähnlich vielseitig, wenn auch nicht ganz so instrumental-musikalisch, tritt als sein weibliches Pendant Claudia Waldherr auf: ob als Discotussi oder alte russische Händlerin lässt sie für wenige Sekunden scharf umrissene Charaktere vor uns entstehen. Zur Komplettierung des Ensembles trägt Selina Ströbele mit einer wichtigen Rolle bei: sie spielt die verletzlich-zarte Mimi, deren tragischer Tod ja von vornherein eine ausgemachte Sache ist.
Vermutlich ist die Inszenierung unter großem Zeitdruck entstanden, da laut Programmheft Regisseurin Ellen Schmitty für jemand anderen einspringen musste. Dem erfreulichen Ergebnis sieht man jedenfalls nichts von Übereilung an, aber gerade solche Notsituationen wecken ja oft die stärksten Kräfte in Künstlern. Ihre erste Regiearbeit in diesem Haus hat die gebürtige Amerikanerin somit bestens absolviert und lässt hoffentlich auch offiziell noch einige weitere Arbeiten an dieser Bühne folgen. Eine Anregung dazu ist schnell gefunden: Immerhin sollte man nicht vergessen, dass es von Kaurismäki auch eine eigene Hamlet-Version gibt, die gerade beim Theater zum Fürchten bestens aufgehoben wäre.
franco schedl


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