Jazz

Comment C'est (How It Is)


Nach dem sensationellen „Update“ seines legendären Jazz Composers Orchestra im Jahr 2013, kehrt der große österreichische Komponist und Trompeter mit seinem aktuellen Song Zyklus ins P&B zurück – u.a. mit der Himiko Paganotti, die viele Jahre in der französischen Kultband Magma sang. Welcome back! CH

"Comment c'est" by Michael Mantler






„Comment c’est“ („Wie es ist“) ist ein Songzyklus für weibliche Stimme und Kammerorchester. Schon vor Jahren hatte ich, aus dem Wunsch heraus, Französisch zu verwenden – eine Sprache, die sich so herrlich dafür eignet, gesungen zu werden – daran gedacht, einen bestimmten Typus von Stimme aus der französischen Popmusik in einem gänzlich anderen und ernsthaften Kontext einzusetzen. Das führte damals sogar zu dem Versuch, Patricia Kaas dafür zu begeistern (und zum Scheitern desselben). Doch als das Projekt letztlich realisiert werden konnte, stieß ich glücklicherweise auf eine sehr interessante und wunderbare französische Elektropop-/Jazzsängerin, Himiko Paganotti.

Obwohl es nicht die „typisch französische“ Pop-Stimme ist, die ich mir ursprünglich vorgestellt hatte, erwies sie sich als die ideale Wahl: von enormem Umfang, sowohl musikalisch als auch im emotionalen Ausdruck. Bekannt gemacht mit ihr hat mich John Greaves, ein alter Kollege, mit dem sie viel zusammengearbeitet hat. Ansonsten arbeitete sie auch in vielen verschiedenen Projekten, unter anderem auch mit der französischen Kult-Jazzrock-Band Magma. Die erste Gelegenheit zu einer Zusammenarbeit ergab sich 2014 bei einem Konzert in Paris mit dem leider nur kurze Zeit bestehenden Chaos Orchestra der Komponisten Daniel Yvinec (Orchestre National de Jazz) und Arnaud Petit, resultierend in einem umfangreicheren Stück namens „Oiseaux de Guerre“ („Vögel des Krieges“), das sich mit den Gräueln des Irakkrieges auseinandersetzte. Ich wollte die Möglichkeiten dieser Stimme und auch dieses Grundthemas weiter erforschen und begann in der Folge mit der Arbeit an „Comment c’est“.

Während meiner gesamten Laufbahn wollte ich mein musikalisches Leben stets so abstrakt wie möglich halten, niemals direkt bezogen auf „programmatische“ Einflüsse oder Themen wie etwa die Weltpolitik, Tagesmeldungen oder private Erlebnisse. Rückblickend betrachtet war dieser Versuch wohl nur teilweise von Erfolg gekrönt. Immerhin nahm ich am frühen „Liberation Music Orchestra“-Projekt mit Charlie Haden teil, obwohl es für mich tatsächlich vor allem die musikalische Erfahrung war, die zählte, weniger die Äußerung politischer Ansichten vermittels dieser Plattform (natürlich zog man damals trotzdem gen Washington, demonstrierte gegen Vietnam und gab sich generell Regierungs-, Business- und Establishment-kritisch).

Irgendwann begannen sich gewisse kritische, politisch-soziologische Weltanschauungen in meinem Werk zu zeigen, wie etwa in „Cerco Un Paese Innocente“ („Ich suche ein unschuldiges Land“ – auch das ein Songzyklus, allerdings in Italienisch), und besonders in der erweiterten Quasi-Oper „The School of Understanding“ („Die Schule des Verstehens“), wobei einige Songs daraus, gründlich überarbeitet, nun tatsächlich im aktuellen Projekt wieder auftauchen. Nicht mehr länger in der Lage, die ungeheuerlichen und einen praktisch übermannenden jüngsten Vorgänge auf der Welt zu ignorieren, war es mir einfach unmöglich, weiter selig Musik in einer abstrakten Weise zu schaffen, ohne auf das alles durchdringende Umfeld von Hass, Gier und Korruption zu reagieren. Deshalb bezieht sich „Comment c’est“ tatsächlich vor allem auf aktuelle Ereignisse, antwortet eindringlich darauf und beschäftigt sich mit einer Vielzahl von so todernsten Themen wie Krieg, Terrorismus, Geiselnahmen, Migration, Armut, Angst und dem außerordentlich bedauernswerten Zustand der Welt im Allgemeinen. Meine Musik ist oft als melancholisch, deprimierend und schwierig bezeichnet worden – manchmal wurde mir das sogar richtiggehend vorgeworfen. Vielleicht war das immer schon eine unbewusste Reaktion auf das Leben, wie wir es kennen, doch von mir war dieser sogenannte traurige Aspekt meiner Musik niemals beabsichtigt, meine Raison d’Être hat immer darin bestanden, einfach nur Musik zu schaffen, die schön ist und vielleicht etwas auszudrücken, das tief in uns allen verborgen sein könnte. Trotzdem, für dieses letzte Projekt: Müsste man schlussendlich wirklich „Eintritt auf eigene Gefahr“-Schilder aufstellen?

Himiko Paganotti wird vom MAX BRAND Ensemble (Niederösterreichisches Ensemble für neue Musik - Künstlerische Leitung: Richard Graf), dirigiert von Christoph Cech (der vor Kurzem auch die Aufnahmen und Aufführungen meines „Jazz Composer's Orchestra Update“-Projekts geleitet hat) begleitet. Das Ensemble besteht aus Flöte, Oboe, Klarinette, Bassklarinette, Waldhorn, Tuba, einem Streichquintett und Vibraphon/Marimba sowie dem Pianisten David Helbock und mir selbst an der Trompete als zusätzlichen Solisten.

„Comment c’est“ wurde für ECM Records eingespielt (Veröffentlichung Anfang 2017), und seine Live-Premiere findet am 10. und 11. September 2016 mit zwei Konzerten im Porgy & Bess in Wien statt.

Himiko Paganotti: voice
Michael Mantler: trumpet
David Helbock: piano

Max Brand Ensemble
Christoph Cech: conductor
Annegret Bauerle: flute
Peter Tavernaro: oboe
Gregor Narnhofer: clarinet
Eberhard Reiter: bass clarinet
Balduin Wetter: horn
Tobias Ennemoser: tuba
Joanna Lewis: violin
Simon Frick: violin
Simon Schellnegger: viola
Arne Kircher: cello
Tibor Kövesdi: bass
Voland Székely: vibraphone, marimba


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