Theater

Cena Claudiana


Der ewig unterschätzte Claudius, von seinen Zeitgenossen als "göttlicher Kürbis" verspottet, wurde als glühender Verehrer der Republik wider Willen schließlich selbst zum Kaiser! Eine rasante und atemberaubende wahre Geschichte, die "Game of Thrones" als harmloses Fantasy-Abenteuer erscheinen lässt.

Kaiser Claudius bittet kurz vor seinem Tod zu seinem letzten Abendmahl. Liegen Sie bei Altrömischen Spezialitäten bei ihm zu Tisch, während er die Figuren seiner Vergangenheit zum Leben beschwört und die atemberaubende Geschichte wiederauferstehen lässt, wie ein stotternder, hinkender kleiner Mann fast drei Generationen lang die Intrigen am römischen Kaiserhof überleben konnte- einfach weil ihn niemand ernst genug nahm, um ihn zu ermorden.

Nun bereits zum neunten Mal produzieren wir ein neues Dinnerspektakel, doch ist in dieser Saison nicht nur das kulinarisch wie räumlich exotische römische Ambiente neu: Auch die literarische Vorlage der berühmten beiden "Claudius"-Romane von Robert Ranke-Graves, die unter "normalen" Theaterbedingungen kaum aufführbar erscheint, lässt sich durch die außergewöhnliche Form des Abschiedsbanketts auf originelle Weise erstmals verwirklichen. Römische Köstlichkeiten inklusive!

Das Abschiedsmahl des Kaiser Claudius
nach Motiven aus Robert Ranke-Graves "Ich, Claudius – Kaiser und Gott"
ein römisches Bankett von Bruno Max

KRITIK
Um Erbstreitigkeiten zu schlichten oder unliebsame Gäste loszuwerden, war Gift schon immer eine gute Option – erst recht am römischen Kaiserhof. Deshalb wäre beim heurigen kulinarischen Theaterabend in der Wiener Scala die Investition einer zusätzlichen Karte nicht verkehrt, damit ein unerschrockener Vorkoster mitkommen kann. Keine Angst übrigens vor Pfauenherzen oder ähnlichen Exaltiertheiten, bei denen uns heutigen Mitteleuropäern eher der Brechreiz überkommen müsste: das Essen selbst ist nämlich gar nicht exotisch, sondern fast bodenständig mit pikanter Wurst, gefüllten Weinblättern, handlichen Entenstücken, Oliven, Kapernbeeren und Maisgries; dazu wird Gewürzwein oder Süßmost gereicht. Während die Theaterrömer ihr gelegentliches Imbiss fachgerecht in der Liegelage zu sich nehmen, muss sich das mitessende Publikum aus Platzgründen mit bequemen Metallstühlen begnügen, die freilich im altrömischen Stil verschönt wurden.
Hausherr Bruno Max hat eine gigantische Stofffülle - die beiden „Claudius“- Romane des Robert von Ranke-Graves umfassen fast 1100 Seiten - ökonomisch bewältigt; und das, obwohl er sich nebenbei noch Gedanken über die Speisefolge machen musste. Kaiser Claudius (Reinhold Kammerer) lässt sein Leben vor uns Revue passieren und erzählt von seiner ungewöhnlichen Familie. Hier haben sich ein paar ganz spezielle Charakterköpfe versammelt: als Schlimmste von allen tritt etwa Augustus Gattin Livia (Bettina Soriat) in Erscheinung: in deren Nähe wird niemand alt, der ihr im Weg steht - und das tut fast jede(r). Nicht zu verachten ist auch Randolf Destaller als beeindruckend irrer Caligula, der die Selbstvergottung auf die Spitze treibt. Claudius selbst überrascht wohl am meisten: von seinen Verwandten als „zuckender Narr“ verspottet, bewies der hinkende, mit einem Gesichts-Tick geschlagene Stotterer unglaubliches Durchhaltevermögen und überlebte drei Kaiser, eher er ganz überraschend selber zu einem wurde – und zu einem guten obendrein, was man von seinen Vorgängern nicht behaupten konnte.
Kurz gesagt: wir treffen einen altrömischen Familienclan, wie er machthungriger, blutdürstiger und exzentrischer nicht sein könnte. Kein Wunder, dass bei solch verwickelten Verhältnisse und divergierenden Einzelinteressen, die danach drängen, sich durchzusetzen, sehr viel Zeit vergeht. Deshalb erhält man als Gast an diesem Abend ausreichend Gelegenheit, seinen Appetit zu sättigen: immerhin beträgt die Spieldauer (eingerechnet einer Pause, in der das obstverzierte Kuchendessert serviert wird) dreieinhalb Stunden – wobei keine Sekunde Langeweile aufkommt. All das spielt sich nur wenige Zentimeter vor den Zuschauern ab, denn die Bühnenfläche verläuft längs durch den Raum und wird beiderseits von den Esstischen flankiert. Hier bekommt man also tatsächlich Geschichte zum Anfassen geboten, wenn man nicht lieber gleich zum weißen Holzlöffel greift, um sich noch mehr von dem köstlichen Bohnensalat in Kümmelsauce ins eigene Tongefäß zu schaufeln.
Im Untertitel wird dieser üppige Theaterschmaus zwar als „letztes Abendmahl“ des Kaisers Claudius bezeichnet, aber zum Glück stehen noch etliche Wiederholungen auf dem Programm.

franco schedl


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