Theater

Cellar Door


»Sprache ist eine Waffe«: Tucholskys Lebensweisheit könnte als Satz der Stunde taugen oder auf den Startseiten von Webbrowsern und Smartphones ein Motto unserer schönen neuen Kommunikation abgeben, in diesen Zeiten, in denen Internet und Soziale Medien sich zu einer Arena entwickeln, in der Worte wie Waffen eingesetzt werden.

Die Anonymität von Online-Pseudonymen verspricht den Schutz einer Maske, hinter der man sicher versteckt in den Meinungskampf ziehen kann. Wo sich das Leben zunehmend in die Sphäre des Virtuellen verlagert, wird das Netz zum Schauplatz einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die in der Realität kaum noch stattfindet.

Internetforen, Webblogs, Kommentarspalten und Facebook- Seiten: sie alle bieten die Gelegenheit, Gedanken jeglicher Coleur in aller Schärfe kundzutun, ohne öffentlich dazu stehen zu müssen: Der »Shitstorm« ist die kulturelle Innovation der letzten Jahre. Ursprünglich aus dem amerikanischen Militärslang stammend, hat sich der Begriff im Deutschen schnell eingebürgert für diese virtuellen Aufwallungen des Volkszorns. Sogar eine neue Disziplin in der Meteorologie hat sich gegründet und klassifiziert die Online-Umwelterscheinung in Analogie zu realen Meeresstürmen.

Vielfach ist die Wut der Kommentatoren von der Annahme gekennzeichnet, dass man bestimmte »Wahrheiten « nicht mehr öffentlich aussprechen dürfe, dass im Gegenteil die schützende Anonymität des Internets sogar unerlässlich sei, um endlich alles das äußern zu können, »was man doch wohl noch wird sagen dürfen«. Gleich zum Anglizismus des Jahres 2011 gewählt, beschreibt der Shitstorm somit ein wesentliches Phänomomen des ins virtuelle verlagerten öffentlichen Diskurses und eine gefährliche Schattenseite des Pluralismus: Befreit von jeder regulierenden Konvention blühen im Netz Ressentiments gegen Flüchtlinge, Migrant*innen, Minderheiten. So verdienstvoll »Refugees welcome«-Banner auf Millionen von Facebook-Seiten sein mögen – der virtuelle Raum hat sich zu einer schwer kontrollierbaren neuen Front im Kampf gegen Hass und Rassismus entwickelt, zu einem Grenzland, in dem man sich von der verunglimpften »Political Correctness« in Sprache und Gedanken längst verabschiedet hat und dies als Befreiung empfindet.

Wo Menschen leben, beobachten sie einander. Wahrscheinlich war das schon immer so und nicht erst im 21. Jahrhundert eine Konstante des Zusammenlebens. Gleichermaßen gibt es den urbürgerlichen Hang zu Systemen sozialer Kontrolle vermutlich so lange wie es Menschen gibt. Die wechselseitige Überwachung obliegt heute allerdings nicht mehr übergriffigen Nachbarn, sondern wird von einer Vielzahl von Menschen selbst mit Freude freiwillig über das Internet veranlasst. Die gesellschaftlichen Folgen dieses digitalen Exhibitionismus sind gegenwärtig nicht abzuschätzen.

Was passiert eigentlich, wenn sich die virtuelle Aggression der vermeintlich unerhörten Empörten nicht mehr in Egoshootern auf dem PC oder in den Kommentarspalten der Blogs und Onlinemagazine bahnbricht, sondern plötzlich auf der Straße? Was brodelt eigentlich jenseits der Häuserfassaden, hinter den Stirnen der Leute, unter den Masken?

Der schwedische Installationskünstler Thomas Bo Nilsson kreiert mit dreißig Performer*innen im gesamten Schauspielhaus einen begehbaren, multimedialen Bühnenkosmos, der über verschiedene Perspektiven einen faszinierenden Blick auf Fragmente einer aggressionsgeladenen Kleinstadtszenerie erlaubt. Seit 2013 arbeitet Nilsson zusammen mit Julian Wolf Eicke und Jens Lassak. 2014 erweckte ihre erste Arbeit »MEAT« an der Berliner Schaubühne große Aufmerksamkeit mit einem Format an der Schnittstelle von Theater, Bildender Kunst und Performance. Kern seiner Arbeit ist es, Architektur unter Einbezug von Theatermitteln sinnlich erfahrbar zu machen.

Thomas Bo Nilssons Theaterlaufbahn im deutschsprachigen Raum begann mit der Produktion »Die Erscheinung der Martha Rubin« am Schauspiel Köln, die er mit dem dänischen Performance-Kollektiv SIGNA erarbeitete und die 2008 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. In der Folge wurde er für seine Raumkonzepte u. a. an der Berliner Volksbühne und bei den Salzburger Festspielen mehrfach von Theater heute als »Bühnenbildner des Jahres« nominiert. Im Rahmen von »Cellar Door« werden der spanische Transmedia-Produzent Ricard Gras und der amerikanische Filmregisseur Matt Lambert die Produktion unterstützen.

Thomas Bo Nilssons Installation ist 504 Stunden lang im Internet zugänglich. In den hyperrealistischen Bühnenkosmos im Schauspielhaus können Sie täglich ab 17:00 und/oder 21:00 Uhr eintreten. Ein Ticket berechtigt Sie, bis zu vier Stunden lang »Cellar Door« zu besuchen.

Mit Ensemblemitgliedern und 27 Gästen
Produktionsteam
Autor: Thomas Bo Nilsson
Regie: Thomas Bo Nilsson, Jens Lassak, Julian Wolf Eicke
Bühne: Thomas Bo Nilsson, Julian Wolf Eicke
Kostüme: Thomas Bo Nilsson, Julian Wolf Eicke


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