Theater

Casanova kocht


– ein aphrodisisches Dinner mit galanten Leckerbissen
Uraufführung

Buch und Inszenierung: Bruno Max

Jede Frau ist für gutes Essen anfällig“ schreibt Giacomo Casanova in seinen berüchtigten Memoiren. Nach einjähriger Abstinenz und aufgrund der großen Nachfrage erfinden wir in dieser Saison extra wieder eines unserer beliebten Dinner-Stücke, diesmal an kulinarischer wie erotischer Front ganz vorne: der selbsternannte „größte Liebhaber seines Jahrhunderts“, der Abenteurer, Ausbrecherkönig, Scharlatan, Frauenversteher und Gourmet Casanova.

Alles beginnt während der Französischen Revolution in einem schäbigen Landgasthof, wo einander zwei alte Herren treffen: Der Kleriker, Philosoph und Pornograph Restif de la Bretonne und ein arg zerzauster, aber auf Umgangsformen bedachter, greiser Kavalier: der Chevalier de Seingalt, besser bekannt als Giacomo Casanova. Am Ende seiner Tage und auf der Flucht aus seinem Altersheim auf Schloss Dux in Böhmen taucht er tief in die Erinnerung an die zwei wichtigsten Dinge seines Lebens ein: Schöne Frauen und gutes Essen.

Und so begegnen wir Huren und Herzoginnen, Spaghetti und Austern, Nonnen und Zwillingsschwestern, Trüffeln und Venuskonfekt und das p.t. Publikum darf die barocken Köstlichkeiten ausprobieren – ausschließlich die Kulinarischen, versteht sich, nach Originalrezepten aus Casanovas Schriften und Kochbüchern seiner Epoche! Denn, wie schon die schöne Schauspielerin Penelope Cruz einmal sagte: „Wenn ein Mann für dich kocht und er mehr als drei Dinge in einen Salat tut, dann meint er es wirklich ernst!“

KRITIK

Dieser Casanova kommt bestimmt nicht aus Italien, weshalb man trotz Coronafurcht in die Wiener Scala gehen sollte – vor allem, weil man sie nicht nur geistig, sondern auch körperlich gesättigt wieder verlassen wird.
Hausherr Bruno Max hat erneut die Regieschürze umgebunden und bereitet für uns ein Theater-Dinner zu, das diesmal ganz im Zeichen eines großen Erotikers steht. Als Anregung zur Rahmenhandlung hat ihm dabei Ettore Scolas Film von 1982 „Flucht nach Varennes“ gedient: hier wie dort treffen zwei Jahre nach Ausbruch der Französischen Revolution, während Ludwig XVI. seine zum Scheitern verurteile Flucht aus Paris unternimmt, in einem Landgasthof der berüchtigte Autor Restif de la Bretonne (im Film Jean-Louis Barrault – in der Scala Bernie Feit) und der berühmte Frauenversteher Giacomo Casanova (im Film Marcello Mastroianni – in der Scala Hermann J. Kogler) aufeinander. Der alt gewordene Lebemann muss seine Libibo inzwischen hauptsächlich durch gutes Essen befriedigen. Sein junges und jüngeres Ich – dargestellt von Mark Mayr und Eric Lingens – dürfen dann aber durchaus schriftlich beglaubigte amouröse Abenteuer erleben, während wir uns dem Esstisch vor uns zuwenden. Und der ist von Beginn an reichlich gedeckt, denn er bietet alles simultan von der Vorspeise bis zum Dessert.
Zum Glück hat sich Max für die Speisenfolge nicht durch die Gefängniskost in den Bleikammern inspirieren lassen - und man braucht auch nichts Unappetitliches in den Mund zu nehmen, wie zum Beispiel einen Ochsenziemer (der wohl ohnehin nicht essbar wäre). Im Gegenteil: hier wird wirklich Aphrodisisches aufgetischt: Mediterrane Kleinigkeiten und Schinkenröllchen eröffnen die Gasterei, gefolgt von französischen Pastetchen; als Hauptgang locken Muschelnudeln mit zweierlei Soßen; und zum Abschluss dürfen wir sogar in süße Venusbrüstchen beißen. Allerdings sollten wir zwischendurch immer wieder den Blick vom Tisch zum Geschehen im Raum wenden.
Die beiden alten Herren haben ebenfalls an einem Wirtshaustisch Platz genommen (falls sie nicht gerade ein stilles Örtchen aufsuchen und über Prostataprobleme klagen), und Casanova reagiert auf Bretonnes neugierige Fragen, indem er sein Leben annähernd chronologisch erzählt; natürlich nur in ausgewählten Episoden. Und so ergibt sich ein anekdotenreiches Liebespotpourri, für dessen Abfolge Bruno Max auch dankbar von Werken anderer Regisseure wie Fellini oder Hallström und einem Literaten wie Arthur Schnitzler Inspirationen bezogen hat – aber seine Hauptquelle bleibt nach wie vor Casanovas vielbändige Lebensbeschreibung.
Es gibt bei dieser Aufführung variantenreiche Bettgymnastik, Schattentheater oder Koch-Slapstick im Zeichen Chaplins, eine kokette Nonne und ein weiblicher Kastrat treten in Erscheinung, sowie eine mechanische Puppe, die direkt aus „Hoffmanns Erzählungen“ stammen könnte; kleinere Handpuppen sind ebenfalls immer wieder Bestandteile der reichhaltigen Handlung; und es wird sehr viel gesungen, wobei vor allem ein Miniaturorchester, das auf einer Empore angesiedelt ist, bezaubernde Töne von Mozart, Vivaldi, aber auch von Nino Rota oder Caterina Valente liefert.
Die Szenenfolge bringt es mit sich, dass fast jede(r) der zehn DarstellerInnen - abgesehen von Kogler und Feit - viele Rollen übernimmt und es würde weitaus den Rahmen einer Kritik sprengen, wollte man sie wirklich alle nach ihrem Verdienst hervorheben. Besonders grotesk ist zum Beispiel RRemi Brandner als alte Marquise, die sich von Casanova beglücken lassen will; Angela Ahlheim zeigt als Wunderwerk der Mechanik roboterhafte Fähigkeiten; Christina Saginth erliegt als königstreue Comtesse sogar noch dem Charme des alten Verführers, und Fiona Ristl spricht als Gräfin Altenburg von ihrem Allerwertesten in der dritten Person (und verlangt für ihn kräftige Stockschläge). Auch Max tritt manchmal in Erscheinung: so weist er uns gleich zu Beginn in prächtiger Robe die Plätze zu, leiht später einem hochgestellten Voyeur seine Stimme, und fordert als Angestellter des böhmischen Grafen Waldstein am Ende Casanova zum Verlassen der Lokalität auf.
Eigentlich klingt das galante Dinner ja recht besinnlich aus, sobald der allein zurückgebliebene Casanova seine Perücke abnimmt und als altersmüder Glatzkopf dasitzt, doch gleich darauf lockt ihn wieder das Weib (auch wenn es bloß ein mechanisches ist). Übrigens bleibt der Abend bei allen kulinarischen und sonstigen Ausschweifungen zwar kalorienreich aber jugendfrei. So lässt es sich leben – noch dazu in Seuchenzeiten, die man womöglich nur mit viel Glück überleben wird. Daher sollte man sich noch einmal nach Herzenslust den Bauch vollschlagen. Zu an- und aufregend sind die Gerichte aber dann doch nicht, denn immerhin muss man als Besucher mindestens 100 Minuten stillsitzen und darf sich am Geschehen auf der Raumbühne nicht beteiligen. Daher schlürft auch nur Casanova Austern und nicht wir.

franco schedl


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