Theater

Café zur Barrikade


Wien 1848 in Liedern, Szenen und Dokumenten von Bruno Max.

Ins Wiener Biedermeierkaffeehaus zu Kaffee und Apfelstrudel lädt Bruno Max in seiner neuesten „Dinner-Produktion“, doch bleibt die Idylle nicht lange ungebrochen, denn wir schreiben den März 1848 und der Herr am Nebentisch hat keinen Appetit: Es ist der Oberfeuerwerker Johann Pollet, und er hat soeben ohne Absicht Weltgeschichte geschrieben …

Wie ein kleiner Beamter versehentlich Freiheitsheld wird, was zwei junge Herren namens Marx und Wagner in Wien zu suchen haben, wie man mit Revolution Werbung für eine Komödie machen kann, und warum auf „Gütinand den Fertigen“ zuletzt ein BLUT-junger Kaiser folgt, das erfahren Sie bei einer Jause im Schatten der Wiener Barrikaden. Es wirken mit: Revoluzzer und Reaktionäre, die Publikumslieblinge Nestroy und Scholz, tote Helden und überlebensfähige Feiglinge, Habenichtse und Hausherren und natürlich Nandel, der Depp. Aber vielleicht war die ganze Geschichte doch ein bisschen anders …

Der Pulverdampf von den Barrikaden überdeckt den Geruch von frischem Gugelhupf. Statt Milch spritzt Blut in den Kaffee: Wie schon in den letzten beiden Jahren bei Sollen Sie doch Kuchen essen … und Picknick an der Front sitzt man als Publikum mitten drin im spektakulären Geschehen und erlebt hautnah Weltgeschichte. Mit Liedern, Szenen und Originaltexten erzählt Theater zum Fürchten von Österreichs einziger richtigen Revolution.

Inszenierung: Bruno Max

KRITIK

Einmal jährlich erteilt uns Bruno Max mit seiner Theatertruppe eine Doppelstunde Geschichtsunterricht, die durch den Magen geht. Heuer nehmen die Zuschauer (und Mitesser) im altehrwürdigen 'Café Griensteidl‘ zu einer Jause Platz, doch statt dem Duft gerösteter Bohnen zieht bald Pulverdampf durch den Saal. Das Caféhaus ist genau der richtige Ort, um Revolution zu machen – immerhin befinden wir uns in Wien, wo 1848 zwar auch viel Blut gekostet hat, aber im Grunde eine recht halbherzige Angelegenheit war und schließlich scheitern musste, da die Wiener viel zu gemütlich und treuherzig auftraten und vor den letzten Konsequenzen zurückgeschreckt sind.
Im Gegensatz zu früheren kalorienhaltigen Theaterabenden ist heuer die Rahmenhandlung erstaunlich konsistent geraten und spannt zeitlich einen weiten Bogen, der 50 Jahre umfasst. Ihren Ausgang nimmt sie 1897 von der Schließung des Literaten-Cafés, die Karl Kraus zur Satire „Die demolirte Literatur“ veranlasst hat. Dann folgt die lange Rückblende ins Jahr `48 und insgesamt drei Generationen von Caféhausbesitzern treten in Erscheinung, wobei Georg Kusztrich seinen eigenen Großvater spielt und Christina Saginth in der Rolle der Amalie Griensteidl alt und jung zugleich sein darf. Die fiktiven Erlebnisse dieser Familie sind aufs Engste mit den tragischen Vorgängen des Revolutionsjahres verbunden. Zur zweiten Leit-Figur wird der historisch verbürgte k.k. Oberfeuerwerker Johann Pollet, der zum Helden avancierte, weil er den Feuerbefehl auf das Volk untersagte. Doch mit der Geschichte ist das so eine Sache - da unterschiedliche Quellen voneinander stark abweichende Informationen über sein weiteres Schicksal erteilen, bekommen auch wir verschiedene Alternativen geboten. Michael Reiter geistert jedenfalls in dieser Rolle immer wieder als tragischer Charakter durch den wilden Revolutionsreigen aus Liedern, Szenen und Originalzitaten.
Zu den illustren Caféhausgästen zählen nicht nur wir als Publikum, sondern z.B. ein griesgrämiger Grillparzer (Jörg Stelling), der das Geschehen auf seine Weise rückblickend kommentiert. Zwischendurch wird Karl Marx (Randolf Destaller) hereingebeten, doch sein trockener Vortrag aus dem „Manifest der kommunistischen Partei“ schlägt dummerweise die Zuhörer reihenweise in die Flucht. Sogar Richard Wagner reist voll Tatendrang an, hat aber in Wien auch nicht viel Glück. Als diesen sächselnden Komponisten erleben wir Hausherrn Bruno Max in einer seiner insgesamt fünf Rollen. Er hat übrigens am eigenen Körper - in seinem Gesicht - eine Privatrevolution durchgeführt und sich von seinem Vollbart getrennt (was uns die überraschende Feststellung erlaubt, dass er glattrasiert zu Philippe Noirets Doppelgänger wird).
Wir folgen dem Geschehen wie einem politischen Tennismatch, denn die beiden Bühnen an den gegenüberliegenden Raumenden werden jeweils abwechselnd bespielt, doch auch über den verbindenden Laufsteg quer durch den Saal hasten die Darsteller ganz nahe an uns vorbei. Zum Glück fällt aber niemandem von ihnen ein, nach unseren wohlgefüllten Tellern zu greifen, denn dann bräche auf der Stelle eine höchst reale Revolution in der Wiener Scala los.

franco schedl


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