Literatur · Theater

Brief an den Vater von Franz Kafka


"Liebster Vater, Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wusste Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten..." – so beginnt Franz Kafkas 1919 verfasster Brief an seinen Vater, den er niemals abschicken sollte.

Der Anlass: Im September 1919 kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Kafka und seinen Eltern: Diese wandten sich vehement gegen die geplante Hochzeit mit Julie Wohryzek, einer Sekretärin aus Prag, die Kafka im Winter zuvor in Schelesen kennengelernt hatte. Vor allem Hermann Kafka ließ sich gegenüber dem Sohn zu beleidigenden Äußerungen hinreißen: Er bot ihm an, ihn persönlich ins Bordell zu führen, damit er nicht darauf angewiesen sei, »eine Beliebige« zu heiraten.

Dieser Vorfall kränkte Kafka tief und veranlasste ihn zu dem Versuch, die von jeher gespannte Beziehung zum Vater auf eine neue Grundlage zu stellen. Der Brief zeigt, dass er dabei durchaus auch an eine "Abrechnung" dachte — ein Gegenangriff mit dem Ziel, die eigene Selbstachtung zu wahren. Vor allem aber ging es Kafka um die Rechtfertigung des eigenen Verhaltens und um das freie Erörtern der Beziehung und der gemeinsamen Geschichte.

Der im Manuskript mehr als 100 Seiten umfassende Brief entstand im November 1919 in Schelesen, wo sich Kafka zur Erholung aufhielt. Wie Max Brod mitteilt, hatte Kafka die Absicht, den Brief seiner Mutter zu übergeben, die ihn dann an den Vater weiterreichen sollte. Dieser Bitte sei Julie Kafka jedoch nicht nachgekommen.


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