Pop / Rock · Singer-Songwriter

Autumn Leaves Festival


RADICAL FACE (USA)

Ben Cooper ist ein Geschichtenerzähler, die Geschichte die ihm jedoch am wenigsten kümmert ist seine eigene: „Über mich zu schreiben kann ich nicht, da fehlt mir das Selbstverständnis“, sagt er. „Aber im Prinzip gibst du immer etwas von dir Preis, manchmal sehr direkt, manchmal eher feinsinnig.“ Höchst fantasiereich verpackte Radical Face 2011 seine allegorische Annäherung an Musik in den ersten Teil seiner Album-Trilogie „The Family Tree: The Roots“, eine Chronik über eine fiktive Familie aus dem 19. Jahrhundert, deren Protagonisten, die unwissentlich oder auch nicht, den Weg für zukünftige Generation ebnen. Im zweiten Teil „The Family Tree: The Branches“ (2013) und im dritten, “The Family Tree: The Leaves”, stehen große Erzählbogen, Geschichte und die Ahnenforschung im Mittelpunkt. Die Figuren seiner Geschichten stammen aus akribischer Recherche, persönlichen Erfahrungen und der eigenen Vorstellungskraft: „Es ist schon spannend wie manche Entscheidungen oder manche Ereignisse uns für immer prägen“, sagt Cooper. „Ich folge gerne jeder Spur“, fügt er hinzu. Anders als beim erzählerischen Ansatz von „The Roots“, umspannen die fein herausgearbeiteten Indie-Folk-Songs von „The Branches“ Briefe der selben Familie aus der Zeit zwischen 1860 und 1910. Die Lieder verbinden die Generationen indem manche Passagen musikalischer oder textlicher Natur einander ähneln. Zudem wurden die Alben auch tatsächlich nur mit Instrumenten eingespielt, die in den jeweiligen Epochen verfügbar waren.

Coopers eigene Geschichte hätte aber auch genügend Potential erzählt zu werden. Aufgewachsen als Teenager in Jacksonville, Florida, war es sein innigster Wunsch Skateboarder zu werden. Eine Verletzung begrub aber jegliche Hoffnungen dahingehend. Auch wenn er in der Folge in diversen Rockbands spielte, konnte er sich mit dem Bandleben nicht so recht anfreunden und entschloss, inspiriert von Autoren wie Cormac McCarthy, an einem eigenen Roman zu arbeiten. Da jedoch das Gesamtwerk einem Computercrash zum Opfer fiel, entschied er sich zur musikalischen Verarbeitung in seinem 2007 veröffentlichten Werk „Ghost“ - ein Konzeptalbum basierend auf der Annahme, dass Häuser ihre Geschichten bewahren. Die EP “Touch the Sky” (inkl. des Liedes „Welcome Home“) war der Vorbote der Family-Tree-Trilogie und wurde im Rahmen einer Nikon Werbekampagne weltweit verbreitet. Die intime Qualität der Musik von Radical Face ist ihrem kreativen Zugang geschuldet. So wurde „The Family Tree: The Roots“ in einer Werkzeughütte hinter dem haus seiner Mutter eingespielt: „Ich versuche so abgeschottet wie möglich zu sein, ohne mich davon einengen zu lassen und ohne dass mir diese Idee vorgibt wohin meine Musik zu gehen hat.“ Radical Face zeichnet für sämtliche seiner Videokunst und für die Artwork seiner Album selbst verantwortlich. „Ich denke, dass ich dahingehend sehr eigensinnig bin. Ich versuche keine falsche Entscheidungen zu treffen.“ Und doch muss er zugeben, dass falsche Entscheidungen oft der Anfang der besten Geschichten sind.

RADICAL FACE "Welcome Home" | https://www.youtube.com/watch?v=P8a4iiOnzsc
RADICAL FACE "The Mute" | https://www.youtube.com/watch?v=QRqKVo8oUn4
RADICAL FACE "Always Gold" | https://www.youtube.com/watch?v=5leFJkScsR8

ESTEBAN'S (AUT)

Wie treffend … der Titel des dritten Esteban’s Studioalbums – Hat sich doch so einiges verändert im Leben des 34jährigen Musikers Christoph Jarmer. Naheliegend, dass der Nährboden seines neuen Werkes „Overthrown“ weitgehend der Bruch mit seinem „Mutterschiff“ Garish war. Der Wandel generell oder die Aufgabe der Neuordnung ist Thema auf Overthrown. Ob die Kluft zu Garish oder die Erfahrung des Vaterseins … Ob die Zähmung der Bestie oder die Pflege der Familie … Schon am Stimmungsbild mancher Songs ist deren Inhalt förmlich greifbar.

Die Form des dritten Studioalbums ist zu einem großen Teil sicherlich den vielen unterschiedlichen akustischen Gitarren und ihren unverkennbaren Klängen geschuldet. Das verleiht dem Album in seiner Gesamtheit eine außerordentlich anziehende, stimmige Schwere, der man sich kaum entziehen kann, geschweige denn will. Genauso unterschiedlich, wie die verwendeten Klangkörper zeigt sich auch die Themenvielfalt, derer sich Overthrown annimmt.

Beginnend beim Opener "Beast", bei dem uns Jarmer auf dem frisch bestellten Esteban’s- Feld willkommen heißt und uns die Hand ausstreckt um mit ihm ein Stück des Weges zu gehen. Das sorgsam akzentuierten "Portrait" erzählt vom manchmal etwas paradox erscheinenden Versuch Kinder erziehen zu wollen. Charakter formt sich bereits früh und schafft es dann sogar ab und zu sämtlichen Bemühungen der Erziehung zu trotzen – Man selbst empfindet sich nur mehr als Zaungast der Entwicklung. Dem Machtgehalt der eigenen Gewohnheiten und der damit verbundenen, selbstverschuldeten Knechtschaft wird versucht sich auf "Slave" vorsichtig anzunähern. Auf "Leaving Spaces" zeigt sich dann sogleich jenes Mitgefühl, das Esteban’s als Grundprinzip versteht. Das von Gastsängerin Julia Poljak komponierte und gesungene Stück, erzählt von der Unabdingbarkeit, manchmal Dinge ruhen und Menschen ziehen lassen zu müssen, um Platz für Neues, Spannendes zu schaffen. Am Ende steht das greifbar versöhnliche und titelgebende "Overthrown". Das von den sanften Akkorden und Handclaps getragene Kernstück lässt keinen Zweifel aufkommen, dass der Wind immer die Wolken vertreibt und der Regen nie für immer bleibt. Das Einzige was dann noch übrig bleibt, ist die Sonnenstrahlen zu erwischen oder wie Jarmer meint: „I want to catch some sun rays“.

Insgesamt wäre es bei Overthrown vermessen einen Titel gesondert herauszustreichen. Jeder Song steht hier zwar für sich selbst, wurde jedoch von Jarmer sorgsam in den Kanon eingegliedert um die größtmögliche Stimmigkeit und somit ein harmonisches Gesamtbild zu konstruieren. Wie bei einem Mosaik fügt sich alles aneinander und erzeugt eine feinschattierte Vielfalt, die erst mit etwas Abstand zu den einzelnen Steinchen ihre gesamte Leuchtkraft entfaltet. Neben all der musikalischen Stimmigkeit und der großen Dichte an Motiven muss Overthrown mit seiner ansteckend entspannten Unaufdringlichkeit, auch als Rückzugs- und Fluchtpunkt verstanden werden – In unserem von Schnelllebigkeit und Hektik geprägtem Alltag nicht bloß eine willkommene Abwechslung, sondern absolute Notwendigkeit.

ESTEBAN'S "Beast" | https://www.youtube.com/watch?v=7UEpYF0Rt78

CLARA BLUME (AUT)

„Es gibt starke Frauen. Es gibt charismatische Künstlerinnen. Und es gibt Clara Blume.“, meinte Musikpate Walter Gröbchen (monkey music) über die junge Geschichtenerzählerin. Ausdruck, Stimmgewalt, Intelligenz und Charme – Powerfrau Clara Blume veröffentlicht im Mai 2015 ihr langersehntes Debutalbum Here Comes Everything (earcandy recordings) und präsentiert zehn starke Nummern, die elaboriertes Songwriting mit eingängigen Melodien verbinden. Produzent und Bruder Georg Blume bettet die klavierlastigen Songs seiner Schwester in zeitgeistige Drum-Beats mit Retro-Synthflächen und orchestralen Arrangements. „Avantgarde-Pop“ nennen die Geschwister den Stil des Albums und bieten live und im Studio Qualität, die man hierzulande nur selten findet. Auserkoren als Kandidatin des Eurovision Song Contest 2015 ist die smarte Zirkusdirektorin ihrer eigenen Konzertplattform, dem The Singer Songwriter Circus, auch als engagierte Fürsprecherin der österreichischen Musikszene landesweit bekannt. Die schöne Geschichtenerzählerin lebt ihr in den Unterarm eingraviertes Credo: Here Comes Everything ... und noch viel mehr.


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