Pop / Rock

Atari Teenage Riot


Es war eine große Überraschung als im letzten Jahr eine kurze Meldung im Internet zum Lauffeuer wurde: ATARI TEENAGE RIOT spielen ein einziges letztes Konzert in London! Zwischen 1992 und 2000 galten die Avantgarde-Krachmacher aus Berlin als einzige Hoffnung, die Idee des Punks ins Technozeitalter zu retten. Die hochpolitische, mixed gender, mixed race Truppe um Alec Empire konnte eine große Reihe hochkarätiger Verehrer vorweisen: NINE INCH NAILS. RAGE AGAINST THE MACHINE, WU-TANG CLAN, BECK, SLAYER oder BJÖRK sind nur einige Namen mit denen ATR zusammen gearbeitet haben.

Nach dem viel zu frühen Tod von Carl Crack lag die Band zehn Jahre auf Eis, nur um 2010 mit einer fulminanten Show zurückzukommen. 2011 steht nun ein neues Album und eine ganze Tour an. Es versteht sich von selbst, dass eine Band wie ATR viel zu smart ist, um sich auf das ledigliche Verwalten ihres musikalischen Erbes zu beschränken.

Alec Empire hat mit »Is This Hyperreal?« eine Soundarchitektur neu entwickelt, die auf altbekannten Elementen aufbaut, aber viel weiter geht als jedes Album von Atari Teenage Riot zuvor. Möglicherweise war er selbst überrascht über die Welle der Euphorie, die letztes Jahr mit der bloßen Ankündigung eines Auftritts im Londoner Forum losgetreten wurde. Wer damals auf Facebook war, rieb sich täglich erstaunt die Augen: Kaum ein Tag verging, an dem sich die ATR-Welttournee nicht um weitere Daten erweitert wurde. Der krasse Höhepunkt der letztjährigen Tour war der Surprise-Gig auf der Fusion, als Hunderte von Fans (friedlich) die Bühne stürmten, mit der Band tanzten und das Festival für die Dauer des Auftritts in einen Ausnahmezustand versetzten.

Die neue Dringlichkeit von ATR ist die alte, nur dass wir sie heute vielleicht besser verstehen, da wir jetzt wissen, dass die Slogans und Parolen Empires, Endos und CX KiDTRONiKs trotz aller Faszination für die Mezzaningeschosse der Virtualität einer echten, politischen Agenda folgen. Im Titelstück »Is This Hyperreal?« ruft Empire durch ein Megaphon: »Achtung, Achtung, hier spricht Atari Teenage Riot! Wir haben uns verbündet und wir werden zusammen zum Bundestag marschieren. Und wir sagen: Hände hoch! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus. Sie sind verhaftet!« Als Hörer fühlen wir uns an den legendären ATR-Track »Hetzjagd auf Nazis« von 1992 erinnert. Alles klingt in diesem Monster von einem cinematografisch-epischen Song, als ob es sofort explodieren könnte. Meisterhaft werden Spannungen aufgebaut und zerstört. Dieses dramaturgische Moment ist ein Merkmal, das »Is This Hyperreal?« von anderen, früheren Alben ATRs unterscheidet.

Das Album behandelt die Frage nach Form und Notwendigkeit politischer Aktion im digitalen Zeitalter. Weit und breit sind Atari Teenage Riot damit eine der wenigen Bands, die ihr Seelenheil nicht in Kategorien wie Glück, Wohlklang oder Virtuosität suchen, sondern in Konfrontation und Unbeugsamkeit. Dass in der Gefahr die Schönheit liegt, wissen wir seit Langem. Aber dass politische Wortmeldung sich so kathartisch wie bei ATR in Schönheit und Noise ausdrücken kann, das ist außerordentlich und mehr als bemerkenswert.


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