Theater

Angst essen Seele auf


In einer orientalischen Kneipe, in die sie teils aus Schutz vor dem Regen, teils aus Neugierde geflohen ist, lernt die Witwe Emmi Kurowski, die als Reinemachfrau arbeitet, den mindestens 20 Jahre jüngeren Marokkaner Salem, genannt Ali, kennen. Ali tanzt mit Emmi, sie reden miteinander, er begleitet sie nach Hause. Er zieht zu Emmi. Schließlich heiraten die beiden. Für die anderen ist diese Ehe ein Skandal.

Emmis erwachsene Kinder schämen sich ihrer Mutter, die Nachbarinnen lästern über das ungleiche Paar, der Lebensmittel-
händler weigert sich, die beiden zu bedienen, Emmis Arbeitskollegen verachten sie. Doch dann scheint sich beinahe märchenhaft alles zum Guten zu wenden: Das Paar wird langsam akzeptiert, wenn auch aus egoistischen Gründen: Der Kaufmann will keinen Umsatz verlieren; Emmis Kinder brauchen sie als Babysitterin; die Nachbarinnen können einen starken und vor allem belastbaren Mann im Haus gut gebrauchen, und die Kolleginnen finden schnell ein neues Opfer, über das sie sich das Maul zerreißen können, und alle stellen darüber hinaus fest, dass Ali so gar nicht dem Klischee vom schmutzigen, faulen Ausländer entspricht, das sie (und nicht nur sie) im Kopf haben.

Doch mit der scheinbaren Akzeptanz brechen neue Probleme zwischen Emmi und Ali auf. Die Liebe, die durch die Feind­seligkeit des Außen, der Umwelt zusammengehalten wurde, droht im gewöhnlichen Alltag zu scheitern. Die Atmosphäre zwischen ihnen wird frostiger. Als Emmi ihn nur noch wie ein nützliches Objekt behandelt, besucht Ali wieder seine frühere Geliebte, die Kneipenwirtin Barbara. Und als Emmi ihn zurückholen will und beide wie damals, als sie sich kennenlernten, miteinander tanzen, bricht Ali zusammen. Der Arzt ­diagnostiziert ein aufgebrochenes Magengeschwür. Emmi bleibt bei Ali, hält seine Hand …

Rainer Werner Fassbinder, das (allzu) früh verstorbene Genie, hat in nur 14 Jahren, von 1969 bis 1982, 44 Filme gedreht, in 21 Filmen anderer Regisseure sowie in 19 eigenen ist er als Darsteller aufge­treten. Er hat 14 Theaterstücke geschrieben und 25 inszeniert und ein Theater geleitet. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“

1974 machte er aus der Geschichte von Emmi und Salem genannt Ali einen berührenden Film mit Brigitte Mira, der als zentrales Werk des Regisseurs gilt.

Die Hollywood-Melodramatik seines Vorbildes Douglas Sirk verbindet er darin mit der Betrachtung der deutschen Alltagsrealität. Der Titel Angst essen Seele auf hat sich zu einer Art geflügeltem Wort entwickelt, so exakt beschreibt er ungeahnte Gefühlstiefen.


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