Kunstausstellung

Amelie von Wulffen


Amelie von Wulffens Begegnung mit Goya im Comic ("Am kühlen Tisch", Koenig 2014) um mit ihm, einem Visionär der Aufklärung die Eröffnung ihrer Ausstellung "Amelie von Wulffen, Der Ruf der Nachtigall" in Hannover zu besuchen, zeigt ihren intellektuellen Witz im intuitiven Umgang mit der Künstlerfigur der aufklärerischen "Moderne". Mit ironisch-selbstreflektierender Leichtigkeit versteht die Künstlerin mit dem "teatro mundi" des historischen Perspektivwechsels im Hier und Jetzt umzugehen. Dabei bringt sie sich selbst als Künstlerfigur von heute in den kulturgeschichtlichen "Denkraum" der Entstehungsgeschichte der Moderne insgesamt mit ein – auf schnoddrigem "Du und Du" mit Goya gelingt ihr die Vergegenwärtigung, respektive die zeitgemäße Aktualisierung einer historischen Künstlerfigur: dieses Großmeisters des Malens und des Zeichnens zum Thema menschlicher Grausamkeit und Unterdrückung. "Hey Goya, schau mal diesen süßen Künstler, was der für schöne Installationen macht, krass." – er zeigt sich skeptisch: "So, findest Du? Ich weiß ja nicht". Auf dem Weg nach Hannover ist die Künstlerin im Comic stets darüber besorgt, ob ihre Ausstellung überhaupt aufgebaut sei. Goya drängt: "Komm jetzt endlich nach Hannover, die Leute warten schon". Nachdem dann die Ausstellung tatsächlich nicht aufgebaut ist, will Goya nach Braunschweig weiterfahren. "Ein perverser Name" meint der Künstler: "Braun - Schweig".

(Herbert Lachmayr)

Francisco de Goya ist der bizarre Begleiter durch satirische Episoden, in welchen Amelie von Wulffen das Künstlerinnendasein als disparate Situation in einer perfiden Kunstszene schildert, geprägt von traumatischen Erlebnissen und Begegnungen. Amelie von Wulffen schuf den Comic für die gleichnamige Ausstellung 2013 im Portikus, Frankfurt. Die Zeichnungen werden in Abfolge an die Wand projiziert.

Die Dramatik des Geschehens wird zu einer ambivalenten Inszenierung generiert, wenn Amelie von Wulffen die Sessel bemalt: Van Goghs Gesicht erscheint frontal mit stechendem Blick auf einer Lehne, die Sitzfläche ziert eine Seelandschaft mit Segelboot. Der Sessel ist in jedem Sinn eindeutig besetzt. Künstlerin und Betrachter sind abgewiesen um stehend Respekt zu zollen – oder auch nicht.

Klassisch sind die künstlerischen Ausdrucksmittel Amelie von Wulffens, Malerei und Zeichnung sowie die eindeutigen ikonografischen Referenzen an die Kunstgeschichte. Zeitgenössisch und eigenwillig ist ihre Manipulation derselben. Deren Historizität wird heraufbeschworen und in ein spannungsgeladenes Gegeneinander gesetzt, so dass sich eine eigenartig visionäre Gegenwärtigkeit aufbaut.

In den Gemälden sind verschiedene Sujets und Zitate aus der neueren Malereigeschichte aufgerufen, Fragmente von Stillleben, impressionistischen Landschaften oder Selbstporträts sind zu erkennen und mitunter eindeutig zu identifizieren. Der Prozess der Aneignung der Motive in der malerischen (Re)Produktion scheint noch nicht vollendet und schon gebrochen durch eine andersartige malerische Welt, die eigenmächtig in die Bildfläche bricht, die die ursprüngliche Narration ins Zweigleisige führt, stört, unterläuft, bereichert oder attackiert.

Gegen die erkennbaren Darstellungen wird unmittelbar spröde Abstraktion geführt. Mimetische Abbildung, gestisches Informell, lasierender Auftrag und vehemente Pastosität überlappen sich in Schichtungen. Eine ganze Palette von Malstilen prallt aufeinander, birst aneinander und kollidiert. Es sind nicht nur malerische Differenzen, es sind auch bildliche Realitäten, die miteinander in heftigem Diskurs stehen, oft unvereinbar miteinander um den Vorrang ihrer Präsenz ringen – eine heterogene Montage von sich überlagernden Segmenten, in der die Bildelemente wie die angerissenen Assoziationen in verschlungener Dialektik stehen.

Text: Margareta Sandhofer


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