Jazz

Schlippenbach Trio - Winterreise


Alexander von Schlippenbach ist einer der ganz alten Vertreter des Free Jazz in der Bundesrepublik, wobei das "alt" hier nicht für sein Alter von 78 Jahren, sondern für seine lange Erfahrung mit der improvisierten Musik stehen soll.

Vor gut zehn Jahren schrieb der Berliner Pianist Alexander von Schlippenbach: „Ende November, wenn es nass, kalt und früh dunkel wird, bereiten sich A, EP und Pe auf die ‚Winterreise’ vor. Das heisst, sie treffen eine Auswahl der zu verkaufenden Tonträger – das Weihnachtsgeschäft (!) – und suchen nach dem ‚zieh-dich-warm-an’ Prinzip die richtigen Klamotten raus“. Daran wird nicht gerüttelt. Die «Winterreise» des Trios gehört seit langem zu ihrem Jahreszyklus und beginnt pünktlich am 1. Dezember in Berlin. Ein Mittelklassewagen hat den klassischen VW-Bandbus abgelöst. Schlippenbach fährt damit weiterhin einige tausend Kilometer, streift Bielefeld, Hildesheim, Köln, Wuppertal, Erftstadt, Schorndorf und Kirchheim-Teck um nach Zürich und schliesslich nach Wien zu gelangen. Der Londoner Sopran- und Tenorsaxofonist Evan Parker (EP) weist den Weg, wenn das Navi nicht weiter weiss. Dem Schlagzeuger Paul Lovens (Pe) ist die „Winterreise“ inzwischen zu beschwerlich geworden, für die Tour hat er den Rücksitz und den Hocker hinter dem Schlagzeug Paul Lytton überlassen. (Pressetext)

Alexander von Schlippenbach ist einer der ganz alten Vertreter des Free Jazz in der Bundesrepublik, wobei das "alt" hier nicht für sein Alter von 78 Jahren, sondern für seine lange Erfahrung mit der improvisierten Musik stehen soll. Seit den 50er Jahren, als er in Köln Musik studierte, spielt er Jazz, bald auch in dessen freiester Form. Diese Musik präsentierte er auch mit seinem Trio, gemeinsam mit den beiden britischen Musikern Evan Parker (Saxophon) und Paul Lytton (Schlagzeug), den Magdeburger Konzertbesuchern.

Zu Beginn ist das Konzert noch ruhig. Alexander von Schlippenbach gibt einige beständig wiederholte Akorde vor, die er zu Klavierläufen erweitert, zwischen Harmonien und Disharmonien wechselnd. Allmählich mischt Paul Lytton Schlagzeugrhythmen hinzu, immer wilder werdend und die Geschwindigkeit steigernd. Das Ohr des Zuhörers ist herausgefordert, das alles zu sortieren und zu ordnen. Als Evan Parker sein Saxophon ertönen läßt, ist das wie ein erlösender Moment: langsamere Strukturen geben Orientierung. Bald wird klar, auch das ist nicht von Dauer, das Sax wird ebenso Teil der Improvisation.

Eine Vielfalt von Klängen füllt den Raum, ein musikalischer Ur-Ozean, aus dem sich später in einer musikalischen Evolution Melodien entstehen können. In der Tat erhebt sich daraus, wie aus einem plötzlich abflauenden Orkan, die klare Stimme des Pianos, die versönliche, melodische Töne anstimmt. Später folgen Soli von Saxophon und Schlagzeug.

Nach der Pause scheint die Musik wie gewandelt, melodiebetonter als vorher. Zwischen Schlippenbach und Parker gehen Töne, Teile musikalischer Ideen hin und her, werden vom Klavier angestimmt, vom Saxophon variiert zurückgegeben, alles geschieht auf eine eher ruhige Weise. Diesmal ist es an Lytton, in die Musik einzugreifen, zunächst ebenfalls ruhig, dann die Führung übernehmend und das Tempo des Stücks bestimmend. Damit wird die Musik auch kräftiger, dynamischer, schneller, bis sich das musikalische Zwiegespräch des Anfangs wiederholt, diesmal zwischen Klavier und Schlagzeug.

Schlippenbach spielt hochkonzentriert; sein Alter – um dann doch noch mal darauf zurück zu kommen – sieht man ihm dabei nicht an. Ebenso auch seine beiden Kollegen: Schlippenbach, Parker und Lytton spielen die beiden Sets des Abends ohne Pause durch, ausdauernd und kraftvoll. So kraftvoll, dass eine Verstärkung nicht nötig ist, auch beim Klavier nicht, das sonst oft Gefahr läuft, von Sax oder Schlagzeug übertönt zu werden. Für die Besucher bedeutet das ein zu 100 Prozent akustisches Konzert, was in heutiger Zeit schon eine Seltenheit ist.

Alexander von Schlippenbach: piano
Evan Parker: tenor, soprano saxophone
Paul Lytton: drums


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