Theater

Ab jetzt!


Eine brillant gebaute Komödie mit unerwarteten Wendungen und einem der berühmtesten „Ayckbourn-Tricks“.

Diese Science Fiction-Farce des meistgespielten Autors Europas spielt in einer ziemlich nahen Zukunft, in einem von Anarchie geplagten Vorort in Nord-London. Drinnen, in seiner kleinen Hochsicherheitswohnung, versucht der Nerd Jerome seine kreative Blockade zu überwinden. Eigentlich schreibt er an seinem Meisterstück, einer modernen Komposition über – ausgerechnet – die wahre Liebe, die er aus Sprach- und Stimmsamples synthetisieren will, als sich seine geschiedene Frau Corinna mit einem Sozialarbeiter ankündigt. Es geht um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Jane. Um vor dem Jugendamt bestehen zu können, will Jerome zunächst die Schauspielerin Zoe als seine Verlobte engagieren. Wenn da nicht auch noch der defekte weibliche Haushaltsroboter, eine Fehlkonstruktion mit Eigenleben, ein Wörtchen mitzureden hätte …

KRITIK

Mit Science-Fiction bringt man das Schaffen des britischen Erfolgsdramatikers Alan Ayckbourn nicht gerade in Verbindung; dennoch hat er vor etlichen Jahren eine futuristische Gesellschaftskomödie geschrieben, die nun an der Wiener Scala unter Marcus Gansers Regie eine Aufführung erlebt.
Man sollte nicht glauben, dass dieses Stück bereits 1987 entstanden ist. Ayckbourn hat sich mit einigen Prognosen als richtiger Visionär erwiesen und die gefühlskalte Welt der isolierten Computer-Nerds vorhergesehen. Ein bisschen Anpassung an die aktuellen Verhältnisse war bei dieser Inszenierung aber doch nötig, denn ich bezweifle stark, dass der Verfasser schon vor 32 Jahren von den Markennamen ‚Twitter‘ oder ‚Snapchat‘ etwas ahnte.
Der Komponist Jerome (ein herrlich eigenbrötlerischer und ganz schön egoistischer Anselm Lipgens) lebt laut Angabe des Autors „15 Minuten in der Zukunft“ sehr isoliert in einem desolaten Londoner Vorort, wo Endzeitstimmung herrscht: die Gegend wird durch marodierende (Frauen)Banden unsicher gemacht. Über seine Vorgeschichte erfahren wir nur langsam Bescheid und müssen sie uns aus bruchstückhaften Informationen zusammensetzen. Wir haben nämlich keinen Wissensvorsprung vor Zoe (Martina Dähne), jener Frau, die Jerome als Hostess zu sich bestellt hat – aber nicht etwa aus den naheliegendsten Gründen, sondern weil er sie für ein wichtiges Täuschungsmanöver braucht: durch ihre Hilfe will er beim bevorstehenden Termin mit seiner Ex-Frau und dem Mann vom Sozialamt Eindruck schinden und das Sorgerecht für seine halbwüchsige Tochter erhalten.
Aber da gibt es auch noch jemand anderen in seiner Wohnung: GOU 300F. Diese ungewöhnliche Rolle hat Christina Saginth übernommen: hinter ihrem menschlichen Äußeren stecken angeblich technische Bauteile und sie spielt mit unglaublicher Überzeugungskraft einen Haushaltsroboter, dessen Schaltkreise etwas durcheinandergeraten sind. Dabei trägt sie zwar immer ein freundlich maschinelles Lächeln zur Schau, doch das kann täuschen, denn das Modell – eine Art futuristischer Mary Poppins – hat so seine Mucken; und daher greift der eigenwillige Kunstmensch entscheidend in die Handlung ein.
Die Geschichte entwickelt sich übrigens ganz langsam und nimmt mehrmals völlig unvorhersehbare Wendungen, wie man sich das bei Alan Ayckbourn auch erwarten würde. Was ich gerade über Christina Saginth geschrieben habe, trifft beispielsweise nur auf die erste Hälfte des Stückes zu, denn nach der Pause ist alles anders und ein Gesichtswechsel hat stattgefunden. Nun tritt uns diese Darstellerin sehr menschlich entgegen, während Martina Dähne, die hinreißend linkische und quirlige Plaudertasche aus dem ersten Akt, eine ganz neue Seite ihres Könnens offenbart. Außerdem ist in der zweiten Hälfte die anfangs so leere Bühne plötzlich ziemlich bevölkert: Wolfgang Lesky beherrscht als Mann vom Sozialamt die hohe Kunst des gewundenen Herumgeredes, und sobald schließlich Carina Thesak als die herbeigesehnte Tochter erscheint, steht uns allen die nächste große Überraschung bevor, denn sie ist keineswegs Papas kleiner Liebling geblieben. Das Stück wirft zugleich sehr ernste und sogar tiefsinnige Fragen auf: wird Jerome sein ehrgeiziges Kompositionsprojekt über die menschliche Liebe jemals beenden können, und sind Roboter vielleicht doch die besseren Menschen?
Alle Darsteller sind schlichtweg grandios und unser Schlussapplaus gilt auch jenen, die zuletzt gar nicht persönlich auf der Bühne stehen. Zwei von ihnen (Claudia Ziegler und Andreas Steppan) waren nämlich via Videoeinspielungen bloß digitale Gäste; wobei besonders Steppan (dessen Tochter erst im Vormonat in der Scala als Cressida aufgetreten ist) über den ganzen Abend verteilt immer wieder effektvolle Kurzauftritte absolviert. Diese Vor-Schau in die nahe Zukunft wird bei uns also nachhaltige Theatereindrücke hinterlassen.

franco schedl

Inszenierung: Marcus Ganser
Bühne: Marcus Ganser
Kostüm: Alexandra Fitzinger
Maske: Gerda Fischer
Musik: Fritz Rainer

Es spielen:
Martina Dähne, Christina Saginth, Carina Thesak, Wolfgang Lesky, Anselm Lipgens


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