Film

1964 – Wendepunkte des Kinos


Don’t speak too soon, for the wheel’s still in spin / and there’s no telling who it is ­naming. (Bob Dylan, 1964)

Eine Filmretrospektive über ein einzelnes Jahr im großen Kinokalender – und ein bisschen darüber hinaus. Über die Welt und das Kino zu jenem kulturhistorischen Zeitpunkt, dem auch das Österreichische Filmmuseum entsprang.

Rückblickend war die Gründung dieser Institution im Frühjahr 1964 weder Zu- noch Einzelfall: Film und Kino entwickelten Anfang der 60er Jahre eine rasch expandierende Kultur der Selbstreflexion. Schubartig wurden neue Festivals, Cinémathèquen und cinephile Zeitschriften gegründet; die ersten Filmhochschulen etablierten sich, Filmliteratur erlebte ihre erste Blüte. Eine junge Regie- und Kritikergeneration forderte lautstark ein „Neues Kino“, bildende Künstler und Schriftsteller fanden attraktives Material in der Pop-Welt des Films – und die Geschichte des Mediums wurde plötzlich weithin verfügbar, auch durch das Fernsehen. Ein Höhepunkt, der zugleich Ausdruck einer Krise war: Mit der film generation der frühen und mittleren 60er Jahre bekannte sich das Kino erstmals in umfassender Weise zu seiner Rolle als „zeitgeistige“, gesellschaftlich relevante Ausdrucksform, während die Mainstream-Wirklichkeit der ­Konsum­gesellschaft mehr und mehr vom Fernsehen beherrscht wurde.

Die Filme dieser Schau sind affiziert vom Glamour des Kosmopolitischen (mit der PanAm nach Rio!) und sie bekämpfen die ­Provinzialität der noch weit verbreiteten Zensur. Es sind Filme über „Mad Men“, die das Wirtschaftswunder immer schlechter ­ver­­tragen, und über Frauen, die sich in der giftigen Industriewüste der Po-Ebene oder in der Erinnerung an rezente Katastrophen verlieren. Filme der späten Nouvelle Vague und des abbrechenden Tauwetters in Russland (1964 wird Nikita Chruschtschow vom ZK-Plenum all seiner Ämter enthoben). Das letzte Leuchten der 70-, 80-jährigen, die 1964 schon „Klassiker“ sind oder als „altmodisch“ gelten – und die ersten Flammen der Kino-Erneuerung in Schweden, Brasilien, Polen, Deutschland und der Tschechoslowakei. Lehrfilme, Werbefilme, Undergroundfilme. Filme über den endlosen Kalten Krieg und den gerade beendeten in Algerien, über die Regenschirme von Cherbourg und den Mann mit den Röntgenaugen. Über Otto Mühl, Heinz Conrads, JFK und CSU-Abgeordnete im Hitzestrahl der Kino­scheinwerfer.

Insgesamt präsentiert die Retrospektive 76 Werke aus dem „Geburtszeitraum“ des Filmmuseums: zwischen Herbst 1962 (als sich die Gründer Peter Konlechner und Peter Kubelka kennenlernten) und Herbst 1965 (als sie im Gebäude der Albertina einen bleibenden Standort für ihr junges Museum fanden). Die Stadt Wien begann damals ihren Aufbruch aus dem Nachkriegsmief – und das Filmmuseum war neben dem Museum des 20. Jahrhunderts eine der ersten kulturellen Neugründungen, die andeuteten, dass mit der „Modernisierung Österreichs“ vielleicht mehr als nur technologischer und verkehrsplanerischer Fortschritt gemeint war.

Die Jahre um 1964 repräsentieren auch international eine „Zwischenzeit“ des Aufbruchs – aber mit einer solchen Ballung folgenreicher Ereignisse, dass manche Historiker das „kurze 20. Jahrhundert“ entlang der signifikanten Zahlen 1914 / 1939 / 1964 / 1989 interpretieren. Das bedrückende Klima der 50er Jahre hatte sich fast verflüchtigt, doch „’68“ war noch weit. „The Times They Are A-Changin’“ (1964) sagt nämlich nicht, dass nun etwas Neues gilt, sondern nur, dass etwas im Schwange ist: Your old road is rapidly aging. The order is rapidly fading. Die Weltwirtschaft erlebt 1964 ihre bisher größte jährliche Wachstumsrate (7,3 Prozent) und die Geburt des Ford Mustang, aber zugleich weisen die kulturkritischen Bestseller One-Dimensional Man (Herbert Marcuse) und The Feminine Mystique (Betty Friedan) auf wachsende Skepsis ­gegenüber dem konsumkapitalistischen „Einheitsbewusstsein“ und auf kommende Verweigerungen bzw. Bewegungen hin.

Dennoch: 1964 befinden sich die verschiedenen Strömungen noch in einem gemeinsamen Gespräch; zumindest in der Film- und Popkultur. „The Movies are a Revolution“, schreibt Taylor Mead Ende 1963, aber im Zuge dieser (Wahrnehmungs-)Revolution sind Underground und Establishment noch nicht durch solche Abgründe getrennt wie in den Jahren nach ’68 – oder in der segmentierten Filmkultur der Gegenwart. Die Filmzeitschriften dieser Jahre beweisen es: Hipster wie Kubrick, Godard, Skolimowski und Warhol werden von den Cinephilen auf derselben Waage gewogen wie der Adel der Altgedienten (z. B. Dreyer, Ford, Hitchcock und Romm). David Lean und Sergio Leone kommen zwar nicht miteinander ins Reden, bewohnen aber ein und denselben Diskursraum wie die ­Direct-Cinema-Leute, die osteuropäischen und Oberhausener Kurzfilmer oder die freien Radikalen wie Straub/Huillet, Glauber Rocha und Emile de Antonio.

Dass es unter imperialistischen Bedingungen keine wahre Einheit geben kann, machen jedoch die globalen Brandherde deutlich. 1964 ist ein Jahr großer und kleiner „Weltausstellungen“, die mit aller Kraft noch die Family of Man beschwören (die New Yorker World’s Fair, die WIG 64 in Wien, die ersten Olympischen Spiele in Asien), aber es ist auch – um nur fünf Stichworte zu nennen – das Jahr des Militärputschs in Brasilien, der Gründung der PLO, der Verurteilung Nelson Mandelas zu lebenslänglicher Haft und des Zwischenfalls im Golf von Tongking, der dem Nachfolger des ermordeten US-­Präsidenten die Vollmacht zum Vietnamkrieg einbringt. Fünf ­Wochen zuvor hatte Lyndon B. Johnson das Bürgerrechtsgesetz zur Aufhebung der Rassentrennung unterzeichnet – aber weder dieses Gesetz noch der Friedensnobelpreis für Martin Luther King, Sidney Poitiers Oscar (der erste für einen schwarzen Hauptdarsteller) oder der neue Boxweltmeister Cassius Clay konnten 1964 verhindern, dass sich im Folgejahr die Konfrontation zwischen Afroamerikanern und dem weißen Amerika gewaltsam verschärfte.

Die Schau 1964 ist ein schweifender und zugleich mikroskopischer Blick auf eine Kulturlandschaft des Kinos. Und ertastet eine zeitgeschichtliche Situation, eine Stimmungslage, die jener von 2014 vielleicht gar nicht so fern ist. Der deutsche Sozialpsychologe Peter Brückner fasst seine Notizen vom Sommer 1965 so zusammen: „Die Konsequenzen der ‚bürgerlichen Lebensweise‘ waren greifbar: in der Entwicklung führender Nationen zur Barbarei. Die Schere zwischen privatem Wohlstand und gesellschaftlicher Armut öffnete sich; das Verlangen nach ‚Brüderlichkeit‘ schien nur noch im Rückzug auf emotionalisierte Idylle (der Kleinfamilie, der Privatsphäre) und in (repressiver) Toleranz nachzuwirken, aber in den Bevölkerungen nahmen Aggression und Anpassung gleichzeitig zu.“


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