Der Mann ohne Eigenschaften
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Wer sich zu Beginn des Abends eine szenische Umsetzung einer der berühmtesten Eingangspassagen der Weltliteratur erwartet, wird bitter enttäuscht: nicht vom Wetter ist die Rede, sondern von Lustmord.
Jürgen Kaizik, Regisseur und Ersteller der Bühnenfassung, kann sich bei seiner Entscheidung für diese Szene freilich auf Musil selbst berufen, denn der Autor plante ursprünglich, zum Auftakt für sein opus magnum, die Schilderung einer blutrünstigen Frauenmißhandlung, als Vorwegnahme der späteren Tat Moosbruggers. Also hat Kaizik den Dirnenmörder in den Mittelpunkt gestellt ¿ oder besser: gesetzt, denn sobald sich der Vorhang hebt, wird eine monströse Sitzgelegenheit auf Stelzenbeinen (ein Mittelding zwischen Elektrischem Stuhl und Königsthron) sichtbar, an der Moosbrugger festgeschnallt das Verhör des Irrenarztes über sich ergehen lassen muss. Was als ungebührliche Heraushebung einer Figur erscheinen könnte, gewinnt seinen Sinn im weiteren Verlauf der Inszenierung, sobald deutlich wird, dass Moosbrugger als Ulrichs unheimliches Double, das seine dunkle triebhafte Seite verkörpert, konzipiert ist.
Für den Kenner des Musilschen Werkes ¿ falls sich überhaupt jemand mit Fug und Recht diesen Titel beilegen darf ¿ besteht natürlich ein besonderer Reiz darin, die zur Dramatisierung herangezogenen Textpassagen zu identifizieren und in ihr ursprüngliches Umfeld innerhalb des Romans zurückzuversetzen. Dabei treten mitunter unweigerlich Momente auf, in denen man Kaizik eine glücklichere Hand beim Arrangement des Bühnengeschehens gewünscht hätte: Clarisses Besuch der Irrenanstalt z.B. wurde von ihm - man möchte nicht annehmen, aus Gründen des sittlichen Anstands ¿ um seine eigentliche ¿Pointe¿ gebracht. page-ID: 4154198
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