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Do, 23. Mai 2013
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Das Blut

KRITIK (Aufführung im Volkstheater)

Das Blut ist allgegenwärtig in diesem Stück und klebt die fünf Szenen zusammen: nicht nur das Entführungsopfer wird zur Ader gelassen, sondern auch alle ¿Nebenfiguren¿ verlieren in dieser bitterbösen Bestandaufnahme einer verrotteten Gesellschaft reichlich davon. Bis sich zuletzt durch Vermischung des Blutes eine seltsame Intimität zwischen Opfer und Täter herstellt.
Der Blutverlust und die vorhergehende Verstümmelung bestimmen den Ablauf der Szenenfolge: im ersten Bild werden die nachfolgenden Stationen genau festgelegt, indem die Entführer den Zeitraum abstecken: jede zehnte Stunde wird die Frau einen Körperteil verlieren ¿ zuerst einen Finger, danach ein Ohr, dann einen Fuß und zuletzt den Kopf.
Es gibt keine Gewinner in diesem Spiel um Macht und Gewalt ¿ weder der kapitalistisch-korrupte Politiker noch die Anarchisten vertreten überzeugende Prinzipien, die ein derartiges Menschen-Opfer rechtfertigen würden. Denn obwohl die Entführer scheinbar die Oberhand behalten und nicht nur das Lösegeld kassieren sondern auch noch ihrer Geisel das Leben nehmen, werden sie als bloße Handlanger einer allmächtigen ¿Gruppe¿ entlarvt; als stupide Befehlsausführer, denen jede Entscheidungsgewalt abgenommen wird und die nach vollbrachter Tat bangen müssen, ob ihnen die ¿Gruppe¿ Urlaub gewährt.

Elisabeth Raths schauspielerischer Einsatz fordert beinahe die totale Selbstaufgabe und geht bis an die Grenzen des Zumutbaren: als einzige Rache, die das Oper an seinen Peinigern nehmen kann, ist ihm die eigene Körperlichkeit geblieben ¿ auf einem Kübel hockend entleert es den vom Durchfall zerrütteten Darm und stellt triumphierend fest, dass es die Luft verpestet, die der Entführer einzuatmen gezwungen ist. Das Stück setzt auf die brutale und verstörende Körperlichkeit und drastische Schockwirkungen ¿ dennoch ist der ¿Naturalismus¿ natürlich nur eine Bühnenillusion und hätte mit letzter Konsequenz noch weiter getrieben werden können (wenn sich die Frau z.B. den angeblich kotverklebten Hintern auswischt, bleibt das dazu verwendete Taschentuch sauber) ¿ zum Glück hat der Regisseur auf solche Effekte verzichtet. Schon seit langem hat keine Inszenierung soviel Beklemmung und Herzklopfen im Zuschauer hervorgerufen ¿ Sergi Belbel ist seinem Wunschtraum, Stücke zu schreiben, die ¿intensive physische, sensorische und intellektuelle Sensationen und Provokationen¿ auslösen, mit ¿Blut¿ bereits unglaublich nahe gekommen.

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