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Mo, 21. Mai 2012
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Der Besuch der alten Dame

von Friedrich Dürrenmatt
Besetzung: Babett Arens, Florentin Groll, Wolfgang Lesky,Leopold Selinger, Clemens Aap Lindenberg, Hermann J.Kogler u.a.
Regie: Marcus Ganser
Eine Finanzspritze für die kleine Provinzstadt Güllen gibt es von der Multimilliardärin Claire Zachanassian nur, wenn die Bürger einen Mord begehen.
Die kleine Provinzstadt Güllen ist begeistert. Claire Zachanassian, die altgewordene Multimilliardärin, kommt zu Besuch in ihren Geburtsort, den sie als armes junges Mädchen vor vielen Jahren nach einer unglücklichen Liebe schwanger und in Schande fluchtartig verlassen musste. Doch das ist Schnee von gestern! Was zählt: Die einst reiche Stadt ist inzwischen heruntergekommen, die Fabriken sind geschlossen, die Krise allgegenwärtig- und die Bürger erwarten sich Geldspritze und Aufschwung vom prominenten Gast. Doch die alte Dame, die mit viel Gepäck und ziemlich sonderbarem Gefolge in die Stadt einzieht, gibt es der Stadt kalt und warm:
Tatsächlich stellt sie ein unglaubliches Geschenk in Aussicht: eine Milliarde für Güllen! Doch die Stiftung ist an eine Bedingung geknüpft: Für ihr Geld will Claire Gerechtigkeit- Sie fordert den Tod von Alfred Ill, dem Mann, der sie damals geschwängert und sitzen gelassen hat.
Natürlich wird dieses Ansinnen sofort empört zurückgewiesen- aber Claire Zachanassian kann warten, bis die Aussicht auf "Wohlstand für alle" die moralischen Grundsätze der braven Bürger aufzuweichen beginnt...


KRITIK

Kaum zu glauben, dass diese alte Dame noch nie die Wiener Scala heimgesucht hat – immerhin zählt das Theater auch nicht mehr zu den jüngsten. Wenigstens jetzt hat Regisseur Marcus Ganser das Versäumnis nachgeholt und ihr die Besuchserlaubnis erteilt. Dürrenmatts „Tragische Komödie“ zeigt nach über 50 Jahren noch keine Alterungserscheinungen, denn Finanzkrisenzeiten sind aktueller denn je, und wer vom Korrumpierbaren im Menschen überzeugt ist, wird sich restlos bestätigt finden durch die Vorfälle in dem heruntergekommenen Kaff namens Güllen (in Österreich könnte dieser Ort Jauchingen heißen und gleich links hinterm nächsten Misthaufen liegen).
Das durch einen windschief desolaten Bretterzaun begrenzt Bühnengeviert wird von mehreren mobilen Bauelementen eingenommen und ermöglicht ein Spiel auf zwei Etagen: deshalb thront Babett Arens als Claire Zachanassian auch mit beunruhigender Präsenz die meiste Zeit über wie ein Mischwesen aus Lämmergeier, Lemure und Ersatzteil-Zombie oberhalb des Geschehens und beobachtet die durch sie in Gang gesetzten Ereignisse, falls sie nicht gerade mit ihrer angeblichen Beinprothese wahre akrobatische Kunststücke vollführt, bei denen man schon vom Zusehen schwindlig werden könnte. Aus ihrem Gefolge an grotesken Figuren stechen vor allem der in Gestalt von drei Ehemännern entsprechend wandlungsfähig auftretende Sebastian Brummer sowie das Duo Christoph Prückner & RRemi Brandner als blinde Eunuchen hervor – sie wirken wie Ödipusse aus der Geisterbahn, wenn sie seitlich über die Szene schlurfen. Florentin Groll bietet als bedauernswertes Opfer weiblicher Rachsucht eine Charakterstudie zwischen Aufbegehren und Resignation.
Zwischendurch bleibt noch genügend Zeit für geistreich-groteskes Geblödel und so sind wir nach der Vorführung zwar nicht um Geld aber zumindest eine erfreuliche Theatererfahrung reicher, worin mir – abgesehen von der männlichen Hauptfigur – wohl alle vor, auf und hinter der Bühne Beteiligten zustimmen werden.

franco schedl

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