Review: Shadow of the Vampire
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Eine filmische Verbeugung vor dem Regisseur Friedrich Murnau und ein tragikomisches Vampirspiel über das Wesen des Kinos, über Kunst und Besessenheit.
Schon öfters wurde auf die Nähe von Kino und Vampirismus hingewiesen. So wie der Vampir in einem Zustand zwischen Tod und Leben schwebt, so ist auch die physische Erscheinung der auf Zelluloid gebannten Schauspieler unsterblich (wenngleich nicht unzerstörbar), aber dennoch nicht lebendig: Ein bewegter Schatten aus toter Materie. Autor Stephen Katz und Regisseur W. Elias Merhige spielen gleich mehrfach mit dieser Affinität. Shadow of the Vampire ist ein Vampirfilm, zugleich ein Film über einen Vampirfilm und darüber hinaus ein Film übers Kino allgemein. Die Ausgangssituation greift die Debatte um Realismus und Fantastik im Film auf und führt sie einer Art dialektischen Auflösung zu: Wir sehen den deutschen Regisseur Friedrich Murnau bei seiner Arbeit am Vampirfilm ¿Nosferatu¿. Sein manisches Drängen auf Realismus führt ihn und sein Filmcrew nach Osteuropa, wo er die Vampirszenen on location in einem verfallen Schloss drehen will. Erst dort, unter etwas mysteriösen Umständen trifft das Team auf den Hauptdarsteller, den angeblichen Schauspieler Max Schreck. Murnau stellt seinen Mitarbeitern Schreck als Schüler Stanislavkys und Mitglied des Reinhardt-Ensembles vor, ein Method-Actor, der sich so in seine Rolle hineinversetzt, dass er mit ihr geradezu verschmilzt. Für die Dauer der Dreharbeiten werde Schreck der Vampir Graf Orlok sein, und das Team werde ihn niemals ¿außerhalb seiner Rolle¿ zu Gesicht bekommen. Gedreht werde, um seinen Gewohnheiten entgegenzukommen, nur nachts. Hinter all dem künstlerisch-snobistischen Brimborium steht steckt ein Geheimnis, das allerdings weder Murnau noch Schreck lange geheimzuhalten versuchen. Schreck ist ein wirklicher Vampir, ein Blutsauger und uralter Untoter. Murnaus Intention ist es, den Perfektionismus seiner fantastischen ¿Symphonie des Grauens¿ bis ins Dokumentarische zu treiben. Deshalb auch die scheinbar so gleichgültige Wahl Gustav von Wangenheim als jugendlichen Gegenpart zu Graf Orlock Das mangelnde schauspielerische Talent Wangenheims ist das geeignete Medium um richtigen Schrecken zu zeigen. Noch düsterer ist der Grund hinter dem Engagement der blasierten Theaterschauspielerin Greta Schröder: Sie soll nach Ende der Dreharbeiten dem ausgehungerten Vampir als Lohn überlassen werden. Friedrich W. Murnau wurde von Zeitgenossen als Vertreter des preußischen Offizierstyps beschrieben, dabei hochgebildet äußerst liebenswürdig. In John Malkovich Interpretation bekommt Murnau etwas von einem Mad Scientist: Ein Wissenschafter, der mit der Kamera als Skalpell auf der Suche nach Wahrheit ist und bereit ist, notfalls dafür über Leichen zu gehen. Gleichzeitig ist Murnau aber auch der Poet, der Wirklichkeit nur als Material der künstlerischen Aneignung begreift. Alles, was nicht auf Film gebannt ist existiere nicht, erklärt er dem Vampir Schreck. Die einzige Unsterblichkeit, die man erreichen könne, sei es, auf Zelluloid verewigt zu werden. Das Selbstbewusstsein Murnaus versagt vor dem Vampir. Schreck ignoriert Abmachungen, und demonstriert Murnau handgreiflich, dass in ihm, dem vermoderten, Fledermäuse und Rattenblut fressenden Untoten, immer noch die ganze Kraft seines Geschlechts wohnt. Doch zeigt sich Schreck auch zunehmend angetan von der ¿ in vampirischem Zeitempfinden - modernen Erfindung der Kinematographie. Er, der die Fähigkeit, Menschen zu seinesgleichen zu machen schon vor Jahrhunderten verloren hat, der keine Gefährten kennt und nicht einmal ein eigenes Spiegelbild hat, lässt sich verführen vom Spiel der elektrischen Schatten. Die Vervielfältigung im Laufbild winkt als Kur gegen Impotenz. Wenn am Ende das Tageslicht seinen materiellen Körper zu Staub zerfallen lässt, ersteht er wieder auf, als hundertfaches Abbild, das sich den silbernen Körnern des Filmmaterials mitgeteilt hat. Dass später fast alle Kopien von Nosferatu ¿ eine Symphonie des Grauens vernichtet wurden, ist eine andere Geschichte. Willem Dafoe als Max Schreck kehrt nicht nur den tragischen Zwiespalt des Untoten hervor ¿ sich nach Leben zu sehen und doch nur Tod bringen zu können ¿ er unterstreicht auch die Ironie der Figur. Wenn er sich mit Murnau unterhält, welches Mitglied der Filmcrew wohl am entbehrlichsten sei, und zu dem Schluss kommt, der Drehbuchautor sei ja wohl am wenigsten nütze, dann ist das natürlich ein Seitenhieb auf die Praxis der Filmproduktion einst und jetzt. Wer der wahre Blutsauger ist, der modrige Graf mit dem spitzen Zähnen oder das Kino in seiner wandelbaren Form, das bleibt am Ende offen.
UK, USA, Luxemburg 1999
Regie: E. Elias Merhige mit: John Malkovich, Willem Dafoe Udo Kier, Catherine McCormack ![]() |
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